Zeitung Heute : Leichen pflastern seinen Weg

DEUTSCHES THEATER Christian Petzold gibt mit Schnitzlers „Der einsame Weg“ sein Theaterdebüt

PATRICK WILDERMANN

Wer in Kreuzberg am Urbanhafen spazieren geht, Kunstkenntnisse und einen wachen Blick besitzt, der mag sich ans 19. Jahrhundert erinnert fühlen. Wie da die Türme des Urban-Krankenhauses aufragen, erinnert das nicht an Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ mit seinen schroff hochschießenden Felsen und Zypressen? Christian Petzold und sein Bühnenbildner Henrik Ahr jedenfalls haben sich von dieser berühmt-berüchtigten Klinik zum Hintergrundmotiv ihrer Inszenierung von Schnitzlers Trauerspiel „Der einsame Weg“ inspirieren lassen. Auf einer Leinwand wird sie zu sehen sein, zu Beginn in der Dämmerung liegend, im Laufe des Abends geht in Echtzeit die Sonne darüber auf. Ansonsten bleibt die Bühne weiß. „Naturalistisch eine Welt nachzubauen, das kam für mich nicht in Frage“, sagt Petzold, der mit Schnitzlers Geschichte einer pathologischen Künstler- und Bürgergesellschaft sein Theaterdebüt gibt. Möblierte Heimeligkeit des Fin de Siècle hätte man auch nicht erwartet von ihm – kaum einer versteht es schließlich so wie er, in seiner Kunst unbehauste Orte und verödete Seelenlandschaften zu bebildern.

Christian Petzold zählt als Autor und Regisseur von Werken wie „Die innere Sicherheit“, „Yella“ oder „Jerichow“ zu den bemerkenswertesten deutschen Filmemachern der Gegenwart, und es dürfte sich als Glücksfall erweisen, dass Oliver Reese, der Interimsintendant des DT, ihn für die Bühne gewonnen hat. Reese gab Petzold eine Handvoll Stücke zu lesen, Ibsen, Strindberg, O’Neill, Schnitzler, er möge Bescheid geben, falls ihn eines davon reize. Petzold entschied sich für den „Einsamen Weg“, es beschäftigte ihn am meisten, „weil es mir so unfertig vorkam, so unbehauen und auch so kompliziert“. Bedingungslose Liebe auf den ersten Blick war es nicht. „Im Film“, sagt Petzold, „würde ich keinen dieser Dialoge aushalten, die Figuren reden ja nur über Dinge, die abwesend sind.“ Und anfänglich habe er auf der Probe gegen den Text argumentiert, behauptet, es sei eigentlich kein gutes Stück, zum Missfallen des Schauspielers Ulrich Matthes. „Nach vier Tagen wusste ich dann: Es ist ein großartiges Stück.“

Petzold betont, er würde kein Theater machen wollen, das dem Film ähnele, und tatsächlich gibt es fast nur oberflächliche Parallelen zwischen seinen Kinoarbeiten und dem Schnitzler-Stoff. Aber das Gespenstermotiv, das sich durch viele Petzold-Filme zieht, taucht auch hier auf, in der vampirischen Variante, und das faszinierte den Regisseur: Figuren seien das, die an der Gegenwart saugten, die sich ihre Kinder untertan machten, um an frisches Blut zu gelangen. Schnitzlers Drama, das mal den Arbeitstitel „Egoisten“ trug, erzählt ja von drei in die Jahre gekommenen Männern, dem Professor Wegrat, dem Schriftsteller von Sala, dem Maler Fichtner, die in der Liebe rücksichtslos versagt und nichts dazugelernt haben. „Künstlersubjekte, die Leichen und Ruinen hinterlassen“, wie es Petzold formuliert, der schnell spricht, schnell denkt und staunenswert präzise komplexe Zusammenhänge durchdringt. An Orpheus und Eurydike fühlt er sich erinnert: Die Frau muss zurückbleiben, damit der Mann weitersingen kann.

Eine der Frauen, die hier zugrunde gehen, wird von Nina Hoss gespielt, die immer wieder seine Filme getragen hat und zuletzt als wortkarg treibende Kraft in „Jerichow“ zu bewundern war. Ob sie seine Muse sei, will man wissen, was Petzold mit Verve verneint, weil in diesem Begriff ja genau jenes fatale Abhängigkeitsverhältnis stecke, das auch Schnitzler beschreibe. Da treibt von Sala die Johanna, die ihn liebt, in den Selbstmord, indem er sie, wie Petzold sagt, in die Vergangenheit entrücke, somit in Kunst verwandle.„Und Menschen, die man in Kunst verwandelt, sterben.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 14.3., 19.30 Uhr

Auch 15., 16. und 20.3., 19.30 Uhr, 22.3., 18 Uhr

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