Zeitung Heute : Leiden lernen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Alexander von Humboldt muss sehr sportlich gewesen sein: „Ein Vorbild“, sagt Reinhold Messner. Und Humboldt konnte nicht nur prima klettern: „Er hat die Vereinten Nationen der Wissenschaft begründet“, weiß Joschka Fischer.

„Deutschland ist auf Humboldt angewiesen“, kann man seit Wochen den Medien entnehmen. „Wenn es einen Vorzeige-Deutschen, einen Mutmacher-Deutschen geben sollte in diesen düsteren Tagen, dann ihn“, so der „Spiegel“. Danke, Humboldt!

Es ist großartig, mit wie viel Tamtam das Wiedererscheinen von Humboldts „Kosmos“ gefeiert wird. Den Humboldt-Fan-Seidenschal habe ich bereits erworben. Nun warte ich auf die Humboldt-Badehose.

Eigentlich gibt es ja zwei Humboldts. Ähnlich wie bei den Schumi-Brüdern. Der Willi tut mir ein bisschen Leid. Er ist stillschweigend zum Humbi II degradiert worden. Wilhelm von Humboldt hat sich einst für die „Freiheit der Wissenschaften“ eingesetzt. Sein Ideal war das Gegenteil der verschulten Universität, die heute von Politikern gefordert wird. Vielleicht konzentrieren sich ja deshalb jetzt alle auf seinen Bruder. Alexander ist mehrheitsfähiger.

Nichts gegen Humbi I. Doch im Schatten seines „Kosmos“ hat ein für dieses Land weit bedeutenderes Werk die Ladentische erreicht: „Schöner Leiden“ von Ulf Geyersbach und Rainer Wieland. Wenn man der Ärzteschaft glaubt, steckt das Leiden in Deutschland nämlich in einer schweren Krise: Der Mediziner Dr. M. aus Kreuzberg überlegt etwa, bei Hausbesuchen künftig auch Klempnerarbeiten zu übernehmen und Kurzwaren zu verkaufen, um seine spärlichen Verdienste aufzubessern.

Im Zeitalter der Praxisgebühr kennen den „Onkel Doktor“ viele nur noch aus Kinderbüchern, und das Gespür für körperliches Unbehagen geht immer mehr verloren. „Schöner Leiden“ macht Mut: In diesem Buch können sich Anfänger von A wie „Abgespanntheit“ oder „Ablutophobie“ (Angst, sich zu waschen) bis Z wie „Zunge, verheddert in der Walze einer elektrischen Schreibmaschine“ Insider-Tipps von prominenten Hypochondern geben lassen.

Hegel, Heine, Hebbel: Sie alle wussten noch, was gepflegtes Leiden bedeutet. Humboldt hingegen sucht man in der Hypochonder-Bibel vergeblich. Wollen wir den wirklich als Vorbild?

Ulf Geyersbach und Rainer Wieland: „Schöner Leiden“, Argon Verlag, 21,90 Euro.

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