Zeitung Heute : Leihfrist um 37 Jahre überschritten

Julia Mayer Angelika Krieser

„The days run away like wild horses over the hill“ – „Die Tage rennen davon wie wilde Pferde über den Hügel“ – das mag sich auch der Alumnus des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien der Freien Universität gedacht haben, der den gleichnamigen Gedichtband von Charles Bukowski vor 1976 aus der dortigen Bibliothek ausgeliehen, aber nie zurückgegeben hatte. Erst vor einigen Wochen erinnerte er sich wieder an das Buch und schickte es nach 37 Jahren an die Bibliothek zurück – anonym, da er nach eigenen Berechnungen eine Mahngebühr von 13 104 Euro erwartete.

Nicht nur unter ehrlichen Studierenden des John-F.-Kennedy Instituts sind die Schriften Charles Bukowskis beliebt – auch bei „Bücherdieben“ stehen die Werke des US-amerikanischen Dichters und Schriftstellers hoch im Kurs: In einer 1999 vom „New York Observer“ aufgestellten „Liste der meist gestohlenen Bücher“ nehmen sie den ersten Platz ein. Tatsächlich werden auch in der Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts zehn der dort eigentlich vorhandenen 41 Bukowski-Bücher vermisst. Darunter auch eine weitere Ausgabe von „The Days Run Away Like Wild Horses Over the Hills“, die in den 80er Jahren als Ersatz für das verloren geglaubte – und nun wieder aufgetauchte – Exemplar angeschafft wurde.

Umso erfreuter waren die Bibliotheksmitarbeiter über die Rückgabe der seltenen Erstausgabe des Werks von 1969, insbesondere da der Gedichtband nur noch in einer weiteren Berliner Bibliothek zur Verfügung steht. Der nach so vielen Jahren ehrlich gewordene anonyme Absender gibt in einem beiliegenden Brief an, dass er sich sein Verhalten nicht mehr genau erklären könne, verweist jedoch auf die allgemeine Disziplinlosigkeit seines damaligen Studentenlebens. Allerdings wolle er auch nicht ganz ausschließen, dass er das Buch damals doch absichtlich in seine eigene Sammlung übernommen hatte. Anonym konnte der Alumnus bleiben, da Ausleihen vor 1976 noch nicht elektronisch erfasst wurden. Die damals angelegte Leihkarte wurde nach einigen Jahren entsorgt, da das Buch als endgültig vermisst galt. Auf der Berechnungsgrundlage von einem Euro pro Tag hat der säumige Entleiher für 37 Jahre Mahngebühren von 13 104 Euro erwartet, die seiner Meinung nach für die verspätete Rückgabe zu entrichten gewesen wären.

Doch die Angst vor der astronomisch hohen Mahngebühr war unbegründet: Damals wie heute werden säumige Leser mit höchstens drei Mahnbescheiden an ihre Rückgabepflicht erinnert. Mit der dritten Mahnung sind nach der aktuellen Gebührenordnung pro Medieneinheit 7,50 Euro fällig. Erst wenn diese Gebühren bezahlt und das Buch zurückgegeben wird, können weitere Bücher aus den Bibliotheken der Freien Universität entliehen werden. Ist das Buch verlorengegangen, zahlt der Leser den Wiederbeschaffungswert sowie eine Bearbeitungsgebühr von maximal 15 Euro. Mit der Rücksendung des bereits längst aus den Inventarisierungslisten gestrichenen Gedichtbandes ist für die Bibliothek dieser Mahnfall endgültig abgehakt.

Doch warum entschied sich der anonyme Bukowski-Fan nach 37 Jahren, das Buch doch noch zurückzugeben? Als Hauptgrund gibt der Absender den Wunsch an, das Buch wieder in die Hände der Studierenden zu übergeben, weil zu seiner besonderen Freude die Beat-Literatur und die ihr verwandten Autoren im Rahmen der Nordamerikastudien zunehmend beforscht würden. Bukowski selbst war zwar kein Teil der Beat-Generation, aufgrund seiner ästhetischen und inhaltlichen Nähe zu diesen Autoren wird er aber häufig mit ihnen in einem Atemzug genannt.

Tatsächlich werden an der dem John-F.-Kennedy-Institut angegliederten Graduate School for North American Studies gerade zwei Dissertationen bearbeitet, die sich mit Beat-Literatur befassen. Als größte Spezialbibliothek für Nordamerikastudien in Europa bietet die Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts hervorragende Möglichkeiten für die Erforschung dieser Themen. Die Sorge des Alumnus, dass „The Days Run Away Like Wild Horses Over the Hills“ eventuell durch bürokratische Sachzwänge in Zukunft nicht benutzt werden könnte, ist unbegründet. Mittlerweile wurde das Buch in den Onlinekatalog der Freien Universität aufgenommen und mit der neuen Signatur Z/819.3/ B932.4/D275 versehen. Aufgestellt ist es im geschlossenen Magazin – damit sichergestellt ist, dass das Werk dieses Mal dauerhaft in der Bibliothek verbleibt. Es kann jedoch nach Vorbestellung jederzeit im Lesesaal der Bibliothek benutzt werden. Der ehrlich gewordene Alumnus unterrichtet heute übrigens selbst amerikanische Literatur. Julia Mayer/ Angelika Krieser

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