Zeitung Heute : Leipziger Einerlei

Vor der Nikolaikirche ist alles wie im Herbst ’89. Aber nicht nur die Augustsonne zeigt an, dass da was nicht stimmt

Kerstin Decker[Leipzig]

Wer aus dem Leipziger Hauptbahnhof kommt, läuft ihm direkt in die Arme. Blau kariertes Hemd, rotblonde Haare. Ein Jungengesicht. Durch sein Megafon ruft er die ewige Aufforderung aller Erweckungsprediger: das Leben endlich in die eigene Hand zu nehmen! „Kommt um 18Uhr zur Montagsdemo!“ Ein paar Passanten schauen hoch, ihr Blick sagt: Mein Leben haben schon andere. Und das nimmt ihnen keiner mehr weg. So schaut das verwaltete Dasein. Diesen Blick gibt es viel zu oft im Osten.

Wo die Stasi nach der Wende auszog, zog meist das Arbeitsamt ein. Auch das ist ein Sinnbild. Genau wie die Montagsdemo. Ein missbrauchtes, sagen manche, nachdem die Demos nun wieder begonnen haben.

Ist dieser Megafon-Mann nicht viel zu jung, um etwas über das Leben und die Montagsdemos zu wissen? – Ich war damals zwölf, sagt Alexander Pusch von der „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“. Aber der BüSo-Kandidat für den Leipziger Stadtrat sei im Herbst 1989 wirklich dabeigewesen. Pusch zeigt auf einen unterm BüSo-Schirm, der sieht noch viel jünger aus als er. Sechs war der damals und lief an der Hand seiner Eltern. Trotzdem sind Alexander Pusch und seine Freunde überzeugt, die eigentlichen Wiedererfinder der Montagsdemo zu sein. Vor fünf Wochen haben sie zum ersten Mal vor dem Leipziger Hauptbahnhof eine Montagsdemo gemacht. Einer aus Simbabwe, einer aus Polen, einer aus Schweden, einer aus Jemen – die „Solidarität“ ist eine sehr internationale Jugendbewegung. Insgesamt waren sie 40 Ausländer und ein paar Berliner und konnten noch zehn echte Leipziger überreden mitzukommen. Alexander Pusch blinzelt in die Sonne. Er hat sein Megafon neben sich gelegt und spricht jetzt über die kulturelle Erneuerung. Und dass ohne Schiller, Platon und Nikolaus von Kues gar nichts geht. Das Zentralorgan der „Solidarität“ heißt „Neue Solidarität“, und im Untertitel steht: „Nun kommt die Schillerzeit.“ – Schiller? Mann, ich bin arbeitslos, sagt ein kleiner Mann vor den BüSo-Sonnenschirmen. Jetzt ist es kurz nach vier. In zwei Stunden beginnt die Montagsdemo. Aber muss eine richtige Montagsdemo nicht vor der Nikolaikirche beginnen? Puschs Demo ist vielleicht gar nicht die echte. Gibt es schon zwei Montagsdemos?

Die Nikolaikirche steckt ihren Turm in den Augusthimmel. Ein großes Banner verkündigt den Nikolai-Orgelsommer, und vor der Tür wartet ein bewimpeltes Fahrrad und verspricht „Nachtwächterrundgänge“. Drinnen sind vor allem Touristen. Gegenüber am Nikolaikirchhof wohnt Pfarrer Führer, der Herbst-’89-Pfarrer, der gerade so viel Post kriegt wie noch nie. Alle wollen wissen, ob er wirklich gutheiße, was da passiert mit dem Freiheitslabel „Montagsdemo“. „Fam. Pfarrer Ch. Führer“ steht am Klingelschild, und dann meldet sich die Herbst-Legende selbst. Keine Zeit. Gleich ist Kirchenführung.

Die Nikolaiglocken läuten, die Orgel klingt wie eine kaputte Schiffssirene, und der Pfarrer beginnt die seltsamste Kirchenführung seines Lebens. Am letzten Montag war die Welt noch übersichtlich, da kam er gerade aus dem Urlaub. Und nun? Führer schaut an den altrosa Pfeilern seiner Kirche empor, aus denen oben hellgrüne Palmblätter der Hoffnung wachsen. Vor 15 Jahren hieß diese Hoffnung Freiheit. Draußen stand die Polizei, und drinnen ließen sie Palmen wachsen. Jetzt heißt die Hoffnung: Weg mit HartzIV! Ein bisschen prosaisch ist das schon. Aber das sagt Führer nicht. Er trägt graue Bürstenhaare und Jeansweste. Führer sagt, er verstehe nicht, dass sich hochrangige Politiker über diese Demonstrationen aufregen: „Schön, dass ihr gegen den Kommunismus auf der Straße wart, aber jetzt, wo wir an der Macht sind, haltet ihr die Klappe! – Das ist absurd.“ Die Kirche ist fast voll. Aber der Pfarrer will nicht mitkommen zur Montagsdemo. Weil die Demonstration und das Friedensgebet für ihn zusammengehören, sagt er. Und der Sommer ist Friedensgebet-Pause.

Am Anfang war das Friedensgebet, seit 1981. Wurzeln spüren, die Mitte finden, darum ging es damals. Darum geht es noch heute, findet Führer. Weil man Menschen nicht immer nur verrücken kann. „Wenn du lange genug verrückt wirst, wirst du verrückt.“ Ein Anhänger der neuen Mobilität ist er also auch nicht. Jemand vermutet, der Führer habe „Druck gekriegt von oben“, dass er nicht mitgeht. „Druck gekriegt von oben“ – es sind die Worte von damals. Dann ist plötzlich das Mikrofon aus, und Führer kommentiert, jetzt viel leiser: „Der Klassenfeind schläft nicht!“ – Lauter Reaktionen aus einem anderen Leben. Dass die Arbeitslosigkeit den Einzelnen noch ohnmächtiger macht als das DDR-System früher, mag politisch nicht korrekt sein, subjektiv ist es wahr.

Führer erinnert sich kurz, dass er hier eigentlich eine Kirchenführung machen soll und erklärt die alternativen Nutzungen des Altarraumes seit 1981. Junge Leute, die man sonst nur „Elemente“ nannte, saßen da und sangen Lieder, die sie sonst nirgends singen durften. So begann die „Friedensdekade“. Wie Führer das sagt, ist klar, dass er sich auch irgendwie für ein „Element“ hält. Und was tun „Elemente“? Sie „rotten sich zusammen“. Dann hat der Pfarrer eine Idee. Vielleicht sollte Wolfgang Clement am 30. August einfach mit zum Sonderfriedensgebet und nachher zur Demo kommen? Beifälliges Murmeln im Kirchenschiff. Der Nikolai-Pfarrer nimmt sein Transparent „Menschen Würde(n) Arbeit(en)“, wahlweise mit und ohne Klammern zu lesen, und will gerade gehen, als eine Frau ganz in Schwarz nach vorn drängt. Sie hält die Clement-Einladung nur für die zweitbeste Lösung und schlägt stattdessen vor, den Bundestag zu stürmen. Drei Frauen, weit hinten in den Bänken nicken einander zu, als hätten sie eben eine Einladung zum Kaffeetrinken bekommen.

Draußen vor der Kirche wartet ein Menschenmeer, alles ist fast wie im Herbst ’89, nur die Augustsonne zeigt an, dass hier etwas nicht stimmt. Keiner trägt Kerzen, und wo damals Anspannung war, ist jetzt eine seltsam frivole gute Laune. Vor der Kirchentür sitzt ein junger Bettler und streckt die Hand aus. Umsonst. Keiner beachtet ihn. Kleine Kinder müssen sich anhören, wofür Papa damals auf die Straße gegangen ist: „Nicht für Hartz IV!“ Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen ruft immerzu „Nieder mit der SPD!“ und hört nicht mehr auf. Auf den Plakaten steht „Der IV. Hartzinfarkt ist tödlich“ und „Weg mit Hartz IV. Das Volk sind wir.“ Jemand hält einen Stapel „Leipzigs Neue. Eine linke Zweiwochenzeitung“ im Arm, viele greifen zu, lassen aber sofort los, als sie hören, dass „Leipzigs Neue“ einen Euro kostet. Der Verkäufer lächelt dann immer ein sehr trauriges, aber verzeihendes Lächeln. So sind sie, die Menschen. Er ist Brite, heißt Keith Barlow, sieht aus wie John Cleese von Monty Pythons Flying Circus und hat noch immer kein Sächsisch gelernt. Dafür spricht er Deutsch. Vor vielen Jahren ist er vor Maggie Thatcher in die DDR geflohen. Dort arbeitete er in Ruhe an einer Dissertation über die englischen Gewerkschaften und war Englisch-Dozent an der Uni. Mit dem Universitätswesen der DDR wurde auch Dr. Keith Barlow abgewickelt, nun gut, aber dass Maggie Thatcher ihn nun noch hier einholt, das ist zu viel! Keith Barlow packt „Leipzigs Neue“ fester. Hinter Barlow steht eine Frau mit einem großen selbst gemalten Drohplakat aus grünem Stoff. Es ist ein Ihr-da-oben-und-wir-da-unten-Plakat. Das eine Ende hält Sonja Hille, das andere ihr Mann. Wer Sonja Hille zuhört, versteht plötzlich, was an Hartz IV für Ostler so ganz und gar unannehmbar ist. Nicht nur, dass sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Er ist Maurer, jetzt nimmt ihn keiner mehr, er ist über 50, zu alt. Sie ist gerade 50 geworden, hat seit März 75 Bewerbungen abgeschickt. Wenn Sonja Hille keine Antwort bekommt, ruft sie an. Wenn sie hört: „Aber Frau Hille, Sie sind doch schon 50…“, erklärt sie gefasst, dass es solche und solche 50-Jährige gebe, und sie gehöre zur zweiten Gruppe. Ja, wenn sie selber schuld wäre an ihrer Arbeitslosigkeit. Ist sie aber nicht, findet Sonja Hille. Sie glaubt, Hartz IV bedeutet, dass sie ihr Haus verlieren werden, das sie sich in der DDR erarbeitet haben. Ein Jahr vor der Wende war es fertig. Aber der Staat wird ihnen das Eigenheim nicht nehmen. Das wissen die Hilles nur noch nicht.

20 Minuten nach sechs. Der Zug setzt sich in Bewegung. Nur Pfarrer Führer bleibt mit seinem „Menschen Würde(n) Arbeit(en)“-Plakat vor der Kirche stehen. In der Mitte des Zuges geht die Frau in Schwarz, die vorhin gefordert hat, den Bundestag zu stürmen. Sie sieht aus wie eine Asiatin, spricht deutsch wie eine Russin und hat das Temperament einer Barrikadenkämpferin. Stimmt alles, sagt sie. Nake Flock ist Koreanerin, aufgewachsen in einem Leningrader Kinderheim, verheiratet mit einem Leipziger, den 1986 die Stasi umbringen ließ. Davon ist sie überzeugt. Im Oktober 1989 hat sie in Anwesenheit eines DDR-Ministers und Kurt Masurs den Rücktritt des Politbüros gefordert. Als sie aus der Tür ging, war sie auf uniformierte Männer gefasst, die sie einfach mitnehmen würden. Keiner kam. Eine Woche später trat das Politbüro zurück, seitdem hat Nake Flock wieder gute Laune. Ihre Sprache ist eher zärtlich. Sie nennt ihr altes Leipzig die „Flüsterstadt“, weil die Leute das Verbotene eher leise sagten. Und dann erklärt sie: „Man muss vorsichtig sein mit Menschen.“ Die Politik weiß das nicht, das sei ihr Hauptfehler.

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