Zeitung Heute : Leise brummen die Pullover Gottesdienst als Protest: Arbeitslose in der Kirche

Constanze Bullion

Als sie noch draußen in der Kälte stehen, als sie einander fast euphorisch die Hände schütteln und die Gesichter tapfer aus den Kapuzen strecken, da wirken sie wie eine verschworene Gemeinschaft, wie Pioniere in einer froststarren Welt, die sie sich erobern wollen wie ein fremdes Schiff. Dieter Kirchberger zum Beispiel steht am Sonntagmorgen vor diesem Kirchenschiff, in das er noch nie einen Fuß gesetzt hat, seine Jacke wirkt dünn und sein Gesicht entschlossen, er ist jetzt 50 Jahre alt und endgültig raus aus den Kuschelecken des Lebens. „Wir sind ja nicht nur Opfer“, sagt er , „wir sind ja auch alle kleine Globalisierer.“

Dieter Kirchberger ist eigentlich Einrichter bei Samsung, also einer, der Maschinen überwacht. Seit ein paar Tagen weiß er, was er lange nicht hören wollte: dass es seinen Job nicht mehr gibt und das Bildröhrenwerk von Samsung in Berlin-Oberschöneweide endgültig geschlossen wird. Kirchberger hat protestiert gegen die Entscheidung des koreanischen Konzerns und wochenlang versucht, seine Seele an brennenden Tonnen zu wärmen. Er hat aber auch nachgedacht in dieser Zeit, über die Globalisierung und seine Rolle dabei. „Wir freuen uns über jedes Schnäppchen im Kaufhaus, wir tanken in Polen und kaufen Sachen, die brasilianische Kinder herstellen“, sagt er. „Und wir vergessen dabei, dass wir unsere eigene Arbeit damit abwerten.“

Für einen wie Kirchberger sind das ziemlich mutige Sätze, denn die meisten, die an diesem Sonntagmorgen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche frieren, haben nicht so viel Selbstkritik im Sinn. Kollegen von Samsung sind gekommen, Mitarbeiter des Videoherstellers JVC und welche von der Baumaschinenfirma CDH aus Spandau. Viele hier haben ihre Jobs schon verloren, und die übrigen wird der Sturm wohl bald holen, der im Moment durch so viele Berliner Firmen fegt und Tausende von Arbeitsplätzen wegreißt.

Nun ist es ja nicht ungewöhnlich, dass in der Kirche der Opfer von Sturmfluten gedacht wird. Einen Gottesdienst für frisch Entlassene aber, oder für solche, die es wohl bald werden, das haben viele hier noch nicht erlebt, und als die Kapuzen zur Kirchentür drängen, als Männer mit schweren Händen und bärtigen Gesichtern sich vorsichtig auf die Kirchenstühle schieben, da ist vielen anzumerken, dass sie sonst andere Dinge tun.

Schulter an Schulter sitzen sie dann, die Strickpullover neben diesen feinen Loden, die rund um den Ku’-Damm zu Hause sind und wohl auch in diesem Gotteshaus. Dann singen die Loden, und die Pullover brummen leise, als Dieter Kirchberger auch schon vor der Gemeinde steht, neben einem Betriebsrat, einem Gewerkschaftsboss und einer entlassenen Bandarbeiterin.

Kirchberger spricht von früher und der Zeit, als er arbeitslos war und ins Schlingern geriet. „Da fängt man an, ein bisschen vor sich hin zu gammeln, und eh man sich’s versieht, ist man ganz vergammelt.“ Armut, sagt er, ist ja eine eher subjektive Sache, verglichen mit den Kindern in Afrika sei er ja reich und auch neben dem millionenschweren Herrn Lee aus Korea, diesem „armen Wicht“, der an der Spitze von Samsung sitzt und nie erlebt hat, wie Solidarität wärmen kann.

Da nicken die Pullover und die Loden lächeln fein, und fast ist es schon, als säßen alle in einem Boot. Am Ende aber, als der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer zitiert, der sich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ fühlt und getrost erwartet, was da kommen mag, da sehen die Männer mit den schweren Händen mit einem Mal traurig aus und etwas verloren in all dem Kerzenschein. Als er wieder draußen in der Kälte steht, sagt Dieter Kirchberger, dass er die Aktion irgendwie „angemessen“ fand. Dann bricht er eilig auf, will weg hier und zurück nach Hause.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar