Zeitung Heute : Leise rieseln die Zeichen

Im Kinofilm „Matrix reloaded“ sehen wir sie über die Leinwand flackern – vor 40 Jahren entstand die erste gemeinsame Computersprache

Konrad Lischka

Sie rieseln wieder: endlose Reihen von Buchstaben und Zahlen durch die Titelsequenz von „Matrix reloaded“. Die nackten, nicht formatierten Zeichen im Grün der monochromen Grafikkarten sind der Stoff geworden, mit dem Filmemacher heute Informationstechnologie darstellen. Aus diesen Zeichen sind die vergangenen vier Jahrzehnte Computergeschichte gewebt. Am 17. Juni 1963 nahm die American Statistical Association (ASA) den ersten genormten Zeichensatz für die Darstellung von Buchstaben und anderen Zeichen auf Computern an. Ohne einen solchen Standard gäbe es weder E-Mail noch das Internet.

Bis 1963 hatte jeder Computerhersteller eine eigene Methode, um Zeichen wie Buchstaben digital abzubilden. Der Programmierer Bob Bemer ebnete den Weg zu ASCII. Dank der gemeinsamen Sprache erkennt heute jeder Rechner die binäre Zahlenfolge 1000001 als A. ASCII kodiert jedes Zeichen als eine siebenstellige Folge von Nullen und Einsen. Ein großes A hat den Binärcode 1000001. Doch die 128 möglichen Kombinationen sind zu wenig für alle Zeichen der Welt. Deutsche Umlaute haben darin keinen Platz. Die haben ihre Zuflucht erst in einer Erweiterung des Grundstandards gefunden. Von diesen Zeichensätzen gibt es verschiedene Varianten für kyrillische, hebräische oder griechische Alphabete. Das große deutsche Ü hat Zuflucht im um ein Bit erweiterten Zeichensatz ISO 8859-1 gefunden – als Zeichen 220.

Der ASCII-Standard bekommt heute Unterstützung: Seit 1991 existiert der so genannte Unicode-Standard. Die Methode ist eine andere als bei ASCII: Alle Schriftzeichen der Welt sollen in einem einzigen 16-Bit-Zeichensatz kodiert werden, nicht mehr in vielen einzelnen wie bei ASCII. Industriegrößen wie Apple, Hewlett-Packard, IBM, Microsoft und viele andere mehr unterstützen diesen Standard, die aktuelle Version enthält 94140 unterschiedliche Zeichen. Doch ASCII ist noch immer präsent – nicht nur in Filmen wie „Matrix reloaded“, sondern auch in Kunstwerken. Die Begeisterung für ASCII ist bei jener Minderheit der Nutzer am größten, die aus den Schriftzeichen Bilder macht. Computer-Freaks, die diese Kunst als Hobby betreiben, Hacker, die ihre Werke in Szene-Wettbewerbe schicken, und Künstler, welche die Schönheit der ASCII-Zeichen entdeckt haben. Andreas Freise, Gründer und Betreiber des deutschen Online-Archivs ascii-art.de saß zum Beispiel 30 Stunden an der ASCII-Version von Albrecht Dürers Zeichnung „Sechs Kissen“. Und der neuseeländische Programmierer Simon Jansen überträgt seit Juli 1997 den ersten „Star Wars"-Film in ASCII-Zeichen.

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