Zeitung Heute : Leitstern seines Lebens

Berlin gab dem Philosophen Alain Locke entscheidende Impulse

Charles Molesworth

Die Blütezeit der afroamerikanischen Kultur in New York begann nach der Wende zum 20. Jahrhundert und war eine Wiedergeburt. In den 1920ern erlebte die Harlem Renaissance ihren Höhepunkt. Und es war Berlin, das auf den wichtigsten Vertreter dieser Renaissance, Alain Locke, einen entscheidenden Einfluss hatte.

Locke (1886-1954) war einer der bedeutendsten afro-amerikanischen Intellektuellen seiner Zeit. Während er sich 1907 auf seinen Abschluss in Harvard vorbereitete, bekam er als erster Afro-Amerikaner eines der begehrten Rhodes-Stipendien. Mit dieser einzigartigen Ehre bewaffnet ging er nach Oxford, um Philosophie zu studieren. Dort beschäftigte er sich mit seinem Interessengebiet, der Wertephilosophie, einem relativ neuen Feld, das die Aufmerksamkeit einiger europäischer Denker auf sich gezogen hatte, insbesondere die einer Gruppe österreichischer Philosophen.

Nach drei Jahren Oxford entschloss sich Locke, nach Berlin an die Humboldt-Universität zu gehen, um bei Hugo Münsterberg, der soeben von der philosophischen Fakultät in Harvard eingetroffen war, weiter Wertephilosophie zu studieren. Ein anderer Anziehungspunkt war die Anwesenheit von Georg Simmel, der beherzt das Gebiet der Soziologie neu definierte, indem er Werte hinterfragte. Locke studierte bei beiden und belegte Kurse in moderner Kultur und Geschichte der Philosophie.

Berlin war für Locke voller Wunder. Er stürzte sich begeistert in die Anregungen des Studentenlebens, nahm kontinentaleuropäisches und deutsches Gedankengut in sich auf und labte sich an den idealistischen Traditionen. Er kam auch mit Fragen der modernen Ästhetik und des urbanen Lebens in Berührung, die seine Anschauungen für den Rest seiner Karriere prägten.

In Oxford hatte er sich mit Studenten aus verschiedenen britischen Kolonien angefreundet. Er übernahm ihre anti-imperialistischen Ansichten und kam zu dem Schluss, dass das Hauptproblem des 20. Jahrhunderts der berühmten Definition von W.E.B. Du Bois entsprechend eins der unterschiedlichen Hautfarben sei.

Seine Studien der Wertetheorie begannen, seine Gedanken zu Rasse und Kultur zu beeinflussen und umgekehrt. In Berlin gesellte sich ein enger Freund aus Lockes Zeit in Oxford zu ihm, Lionel de Fonseca, Autor eines Buchs über die dekorativen Künste, die aus der Tradition Oscar Wildes und anderer Ästheten schöpften. Lange Diskussionen über die allgmeinen Standards der klassischen Kunst und den Hang des Künstlers in der Romantik zur Selbstdefinition kamen zur Mischung aus wichtigen Fragen, die Kultur – neben Rasse – zu Lockes Hauptinteresse machten.

Die raschen Entwicklungen in den modernistischen Kunstbewegungen, die in Berlin gerade eine unübersehbare Kraft entfalteten, wurden zum Umfeld, in dem Locke seine letzten Tage als Universitätsstudent verbrachte. Obwohl er Oxford und Berlin ohne höheren Abschluss verließ, bereiteten ihn die beiden Universitäten auf sein Leben als Professor, Kulturkritiker und Philosoph vor.

In den vier Jahrzehnten, nachdem er Berlin im Sommer 1911 verlassen hatte, kehrte Locke viele Male in die Stadt zurück. 17 Jahre hintereinander – zwischen den Weltkriegen – besuchte er Deutschland, um dessen Kulturleben zu genießen, das seiner Ansicht nach höchstes Niveau behielt. Er hörte nicht nur wiederholt Wagneraufführungen in Bayreuth, sondern fuhr auch oft nach Bad Nauheim, um sich von den Anspannungen seines hektischen Lebens zu erholen und seine Gesundheit wieder herzustellen, die unter den bleibenden Schäden einer rheumatischen Fieberattacke in seiner Kindheit litt. In jedem Fall reiste er über Berlin. Dort wurde er 1914 mit seiner Mutter von der Schließung der Grenzen überrascht und musste eine Spezialerlaubnis zur Ausreise besorgen. Zwei Jahrzehnte später beobachtete er während seiner Besuche den Aufstieg des Faschismus und beschloss schließlich erst 1938, nicht mehr nach Deutschland zu fahren. Doch für Locke blieb Deutschland mit seiner berühmten Hauptstadt Leitstern während seines ganzen kulturellen Lebens als Philosoph.

Der Autor ist Professor für Literaturgeschichte am Queens College der City University New York.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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