Zeitung Heute : Lenker statt Denker

Oder: Was viele Deutsche noch lernen könnten

Barbara Bierach

In den päpstlichen Gemächern bemalt Raffael die Wände, 50 Meter weiter in der Sixtinischen Kapelle schwingt Michelangelo den Pinsel. Das ganze spielt 1509, Schaulaufen der Giganten sozusagen. Jedenfalls war Raffael nicht gerade ein Fan vom alten Michelangelo und als er seine „Schule von Athen“ an die Wand pinselte, platzierte er seinen Konkurrenten in der Bildmitte. Michelangelo sitzt da mit abgewetztem Mantel, wirrem Haar und schmutzigen Stiefeln. Er schweigt stupide – um ihn herum debattieren die größten Geister der Antike mit eleganten Gesten.

Fast fünfhundert Jahre später steht nun ein amerikanischer Fremdenführer vor einer Gruppe von Landsleuten und erklärt das berühmte Werk. Er erläutert den Wettkampf der Malerfürsten und zeigt den andächtig lauschenden Herren und Damen, dass Raffael sich hier über den Strubbelkopf von nebenan lustig macht und sich so an seinem Konkurrenten rächt. Als er fragt, wer den Spott in dem Bild sehen könne, heben alle die Hand.

Der junge Mann grinst, macht eine Kunstpause und setzt erneut an. Nichts ist je so, wie es scheint, sagt er: Mit diesem Bild huldigt Raffael seinem Vorbild. Michelangelo lasse sich nicht korrumpieren vom Zeitgeist oder feinen Gewändern. Ein Genie bleibe sich selber und seiner Kunst treu und hat vor lauter Arbeit eben keine Zeit zum Frisör zu gehen. Die „Schule von Athen“ sei eine einzige Verneigung vor Michelangelo! Dann fragt er, wer das in dem Bild sehen kann – und wieder heben alle den Arm. Ein guter Redner bringt Menschen dazu, innerhalb von zwei Minuten zwei konträren Aussagen freudig zuzustimmen.

Angeblich bedeutet Intelligenz, zwei sich widersprechende Auffassungen gleichzeitig im Kopf zu haben. Doch ehrlich gesagt erkennt man daran bloß den guten Rhetoriker. In England und Amerika lernen das schon die Kinder. Hierzulande hingegen finden sich die meisten erst als Erwachsene in einer Situation wieder, in der sie präsentieren und reden müssen. Die Teilnehmer internationaler Konferenzen schlafen sich gerne mal aus, wenn die Deutschen vortragen. Das ist ein Wettbewerbsnachteil, der sich gewaschen hat! So gesehen wär’s also nett, wenn aus dem Volk der Dichter und Denker endlich auch das der Redner und Lenker würde.

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