Léonard Autié : Coiffeur Royal

Er hatte nichts außer seinem Selbstbewusstsein und brachte es zum Friseur der Marie Antoinette. Das Tagebuch des Léonard Autié: Ein Sittengemälde aus dem barocken Frankreich.

Als 1838 in Paris die Erinnerungen des Léonard Autié erschienen, da war der Haarkünstler schon 19 Jahre tot. Zu Lebzeiten hatte Autié seinen Anteil daran, dass Marie-Antoinette, die als 14-Jährige von Wien nach Paris verheiratet wurde, zu einer Mode-Ikone ihrer Zeit aufstieg - und zu einem Symbol der Dekadenz. Und er hatte das Glück, seine Königin zu überleben. Während sie unter der Guillotine 1793 den Kopf verlor, gelang ihm die Flucht aus dem revolutionären Frankreich. Ob der virtuose Lockendreher dann tatsächlich Autor dieses mit amourösen Details gespickten Buches wurde, das jetzt als deutsche Erstausgabe erscheint und aus dem wir hier Auszüge veröffentlichen, ist umstritten. Wahrscheinlich war es doch ein professioneller Autor, der die Feder führte: Als Ghostwriter wird der Journalist Georges Touchard-Lafosse gehandelt, geboren 1780.



Es war ein Sommerabend des Jahres 1769, als ich durch das Höllentor (eines der mittelalterlichen Stadttore) Paris betrat. Zwölf Meilen Fußmarsch lagen hinter mir: müde war ich, aber nicht niedergeschlagen, denn mein einziges Gepäckstück wog nicht schwer.

Ganz Paris war auf den Beinen am Tag meiner Ankunft, um den Vorübergang der Venus auf der Sonnenscheibe zu beobachten, dieses seit langem angekündigte Phänomen, das sämtliche Gelehrten Europas in Atem hielt. "Potzblitz!" sagte ich mir, die Hände reibend, "ein Rendez-vous mit Venus, wenn das kein gutes Omen ist! Du willst doch ohnehin über das schöne Geschlecht zu Erfolg gelangen." Nun wissen Sie's, ich fühlte mich prädestiniert, auf den Spuren der Schönen Fortune zu machen.

Vorläufig nahm ich erst einmal Quartier in der Rue des Noyers, nahe der Place Maubert, zu einem mehr als bescheidenen Mietzins von sechs Francs pro Monat.

Der nächste Tag fand mich noch um zehn Uhr auf der alles andere als bequemen Pritsche, die meine Vermieterin mit der Bezeichnung Bett beehrt hatte. Die Augen an die Decke dieses Verschlags geheftet, suchte ich zwischen zwei dekorativ aufgehängten Spinnweben den Plan für ein ausgeklügeltes Vorgehen zu entwerfen. Nach Lektüre der Gazetten stand mir der Zeitgeist ziemlich klar vor Augen, und so sagte ich mir: "Drei Mächte ringen um die Vorherrschaft in diesem unserem Jahrhundert. Die Encyclopédie (ein Mammutwerk der französischen Aufklärung um Diderot, Rousseau und Voltaire), der parlamentarische Ehrgeiz… und die Galanterie." An welche dieser Einflusssphären sollte ich, Léonard, nach Gold und Ruhm gierender Coiffeur, wohl meine Hoffnungen knüpfen?

Man muss sich schon überlegen, wen und wie man zu kämmen gedenkt, da es entscheidend sein kann für das ganze Leben. Die enzyklopädischen Häupter sind prallvoll mit neuartigen Theorien, reformatorischen Systemen und allem, was kraus ist, gänzlich abhold. Die parlamentarischen Häupter, beerdigt unter alten Perücken, deren Ausmaße häufig die gesamte Bedeutung ihrer Träger beinhalten, können nur gewöhnlichen und routinierten Perückenmachern zu einem gewissen Profit verhelfen.

Mit der Galanterie ist das etwas anderes: Sie ist eine Macht, deren Erfolg sich ständig wandelt, weil er glücksabhängig ist und der Machtgewinn auf Verführungskunst und kokettem Spiel basiert. Kann man etwas beitragen zu dieser Macht oder diesem Wohlbefinden, gelangt man in den Genuss freigiebiger Dankbarkeit. Kleinlich gegenüber Freunden ist sie nie, die Galanterie, egal, ob sie die Gebende oder die Nehmende ist; man muss es nur verstehen, ihr Interesse zu wecken. Zum Glück verfügt man neben der Geschicklichkeit der Hände noch über ein anderes Kapital, mit dem es sich den Damen schmeicheln lässt. Und der beste meiner Freunde ist nach dem Modell gefertigt, das überall wohlwollend Einlass findet. Unsere Schönen im Süden kennen sich recht gut damit aus, und ihre Anerkennung blieb mir nicht versagt.

"So ist es also beschlossene Sache, Jean Léonard, du wirst dein Glück den Frauen verdanken", sagte ich mir und warf die raue Wolldecke von mir, verdeckte sie doch einige jener Schätze, deren ich mich wahrlich rühmen konnte.

Und da ich mir noch nicht im Klaren war, wie ich vorgehen und welche Richtung mein ehrgeiziges Vorhaben einschlagen sollte, begann ich erst einmal, stilvoll Toilette zu machen… Unter uns gesagt: zusammenzustellen, was das Stilvolle ausmachen sollte. Denn Auswahl gab es leider nicht. Jedes Teil, das in meinen Hosentaschen mit mir gereist war, war ein Unikat, und nur die Gesamtheit konnte ein einheitliches Bild ergeben.

Auf meinem Bett entfaltete ich also ein Hemd und eine weiße Halsbinde, entrollte ein Paar seidene Strümpfe, stibitzt aus der Garderobe eines Salzsteuereintreibers, die ich geflickt, gebleicht und für meine Zwecke geschwefelt hatte. Und das war auch schon alles. Aber meiner Meinung nach genug. Und in der Tat, nachdem ich meine Lockenpracht ein wenig zurechtgezupft und anstatt mit Puder, wie es jetzt üblich war, leicht mit Mehl bestäubt hatte, nachdem mein Rock aus feinem grauen Tuch so gründlich wie noch nie gebürstet worden war und mein Krawattenknoten dem ungeschulten Blick kunstvolle Fältelungen vorgaukelte, mein muskulöser Schenkel unter dem schwarzseidenen Beinkleid protzte und der Salzsteuereintreiberstrumpf, unter seinem Hosenband festgezurrt, meine vielversprechende Beingeschicklichkeit erahnen ließ - ja, da konnte ich fürwahr und nicht nur in den Luftschlössern meiner Eitelkeit für einen wenn auch noch nicht vollendeten, so doch leicht zu vollendenden Kavalier gehalten werden.

Auf Fußspitzen trat ich aus dem Haus, den auf meiner Wanderschaft durch Sonne und Wind ausgebleichten Hut unter dem linken Arm, und zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, dass mir ein Degen fehlte. Ich schlenderte die Rue des Noyers und die Rue Saint-Jacques entlang, selbstsicher und unbekümmert wie jeder junge Mann von dreiundzwanzig Jahren, der fest auf den Beinen steht und dem die Zukunft für achtundvierzig Stunden Sicherheit verspricht. Der Mietzins war für vierzehn Tage entrichtet, und nun besaß ich noch fünf dicke Écus zu je sechs Livres, einen schönen Schildpattkamm und einen schier unerschöpflichen Vorrat an Selbstvertrauen. Das Glück würde mir schon winken.

Eines Morgens erhielt ich ein kleines dreieckiges Billet. Es war mit feinstem Parfüm getränkt. Ich öffnete es und las: "Madame la Marquise de Langeac bittet Monsieur Léonard, sich morgen um die Mittagszeit bei ihr einzufinden. Da sie des Abends eine Soirée gibt, wo eine gütige Fee auftauchen könnte, wäre sie entzückt, mit Monsieur Léonard deren Coiffure abzusprechen, damit diese nichts mit der von Nicolet (gemeint ist das Theatre Nicolet, ein Musiktheater) gemein habe."
Ich weiß nicht, welcher Instinkt mich davon abhielt, Julie (Autiés Freundin, eine Tänzerin) dieses Billet zu zeigen, aber ich traf meine Vorkehrungen, um unbemerkt zur Marquise de Langeac zu gelangen.

Damals konnte man sich in Paris recht wohlfeil elegant einkleiden, da die hohen Herren jedes Stück ihrer Garderobe nur zwei- oder dreimal trugen, wodurch ihre Kammerdiener, die es jeweils schnell verhökerten, fette Beute machten. Ich kaufte also aus zweiter Hand und hatte mir auf diese Weise eine höchst ansehnliche und vor allem abwechslungsreiche Garderobe zugelegt. Kurzum, überall konnte ich als junger Mann aus gutem Hause gelten, und wenn ich den Mund auftat, widersprach nur selten ein unstandesgemäßes Wort meiner Eleganz und meinem Auftreten als zeitgemäßer Chevalier.

Madame de Langeac empfing mich im Bett, wie es damals üblich war bei Damen von Stande gegenüber Personen, bei denen man sich freizügig geben konnte und manchmal auch das Gleiche erwartete.
"Monsieur Léonard", sagte die Marquise mit charmantem Lächeln, wobei ihr großes schwarzes Auge mich von Kopf bis Fuß musterte, "bisher wurde ich von Larsenneur frisiert, den der Abbé de Vermont nach Wien zur künftigen Dauphine (Marie-Antoinette, die künftige Gemahlin des Thronfolgers) abbeordert hat, und so erwählte ich Euch als seinen Nachfolger."
"Eine große Ehre, Madame la Marquise…"
"Lassen wir die Ehre beiseite, Monsieur Léonard; wie Ihr die unbegabten Statistinnen des Schmierentheaters in Göttinnen verwandelt habt, das gereicht Euch zur Ehre."
Die Art, wie die Marquise diese unschönen Worte betont hatte, ließ meine Eitelkeit an jenem Tag sofort auf Eifersucht schließen.
"Aber ich verhehle Euch auch nicht, Léonard, dass ich Unterschiedliches über Euch hörte: mal klang es lobend, häufiger jedoch abschätzig."
"Abschätzig? Aber Madame la Marquise, wer kann denn so über mich sprechen?"
"Böse Zungen, denke ich … Als Beweis, dass ich deren Worten wenig Glauben schenke, seid Ihr ja heute hier, auf mein Geheiß."
"Ich danke Madame la Marquise für Ihre wohlwollende Meinung und versichere Sie, dass ich Ihrer nicht unwürdig bin."
"Schluss damit, Léonard, setzt Euch zu mir, in diesen Sessel, damit wir ein wenig plaudern können. Ich wüsste gerne, woher Ihr kommt."
"Aus der Gascogne."
"Nicht schlecht, sofern der Gascogner in Euch nicht zu ungestüm durchbricht."
"Ich werde mich bemühen, Madame la Marquise, dass er nach Möglichkeit nur vergnüglich bleibt."
"Ihr habt also niemals in den Theatern oder Kathedralen Italiens Falsett gesungen?"
"Aber Madame… die Scheiben könnten zerspringen, wenn ich in der Tiefe ansetze."
"Oho!… Und zu den Legaten des Heiligen Vaters hattet Ihr auch keine engere Verbindung?"
"Wozu?"
"Das dachte ich mir."
Es war offensichtlich, dass Madame de Langeac zwei der drei verleumderischen Versionen kannte, die Legros (damals ein berühmter Friseur) und seine Jünger unters Volk gebracht hatten. Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort:

"Léonard", verkündete die Marquise, "Ihr seid mein Coiffeur! Und jetzt hört, was ich Euch für die Zukunft verheißen kann: Der König geruht mich in den Kreis der Hofdamen zu berufen, die der jungen Dauphine, die in Kürze erwartet wird, zu Gefallen sein sollen. Sobald sie in Versailles eintrifft, werde ich zu ihrem engsten Zirkel gehören. Dafür hat Majestät besondere Gründe, die ich Euch später verraten werde… Ihr wisst ja, Léonard", sagte sie verführerisch zwinkernd, "dass ein Coiffeur, wenn er sein Metier versteht, sich in Kürze schon das Vertrauen der Damen verdient, die ihn zur Morgentoilette herbeirufen. Und ich bin so gnädig, Euch jetzt schon zu verraten, dass ich beabsichtige, Euch in die große Welt zu lancieren."

Gegen Ende des Jahres 1781, zu einem Zeitpunkt also, da die Königin Frankreich den ersten Kronprinzen geschenkt hatte, der schon 1789, als Pariser Nationalgardist gewandet, verstarb, da drohte Ihrer Majestät tatsächlich der Verlust jener Haarpracht, deren reizvoller Farbton unter der Bezeichnung cheveux de la reine in die Annalen der Mode eingegangen war. Beim ersten Anzeichen dieser schrecklichen Katastrophe fühlte ich die Erde erbeben, Fieber überkam mich, ich delirierte, und ein Alp hockte sich mir auf die Brust. Als Gascogner hatte ich blitzschnell begriffen, welche Konsequenzen dieses tragische Ereignis, dessen Anfänge ich soeben erspürt hatte, nach sich ziehen würde. Mit dem Verlust von Marie-Antoinettes Haarpracht würde auch ich meines Kredits verlustig gehen.
Eine gewisse Zeit war seit der Niederkunft verstrichen und der Haarausfall schien mir immer bedrohlicher; da sagte ich eines Morgens zur Königin: "Madame, diese Turmfrisuren werden allmählich banal. Seit Längerem schon hat die Bourgeoisie sie übernommen und nun sinken sie gar auf Volkes Niveau."
"Mein Gott, was sagt Ihr mir da, Léonard? Wisst Ihr, wie mich das schmerzt? Diese Coiffuren standen mir doch so gut!"
"Aber, Madame, welche Coiffure würde Eurer Majestät denn nicht zu Gesichte stehen? Was unbedingt vermieden werden muss, ist die Gefahr, dass der Kopfschmuck der Königin Frankreichs zu dem einer Grisette (Modistin) degeneriert."
"Igitt!"
"Aus diesem Grunde habe ich bereits intensiv über eine totale Revolution bezüglich Majestäts Coiffure nachgedacht, Majestäts Portrait mit dem neuen, von mir entworfenen System bereits zeichnen lassen, und dabei zeigte sich, wie ich nicht anders erwartet hatte, dass meine erhabene Herrscherin, sofern sie meine Innovation gutheißt, sechs bis sieben Jahre Zeitgewinn wird verbuchen können."
"Habe ich recht verstanden, Léonard? Die von Euch entworfene Coiffure wird mich jünger machen?"
"Ob Majestät daraus ein Vorteil erwächst, wage ich nicht zu beurteilen, denn so manches weibliche Wesen bei Hofe würde sich liebend gerne älter machen, um Majestät zu ähneln."
"Ach, Léonard, ich mache mir doch keine Illusionen; bald schon werde ich siebenundzwanzig und von diesem Alter an ist jede Mode, die eine Frau jünger erscheinen lässt, willkommen."
"Wenn das so ist, Madame", sagte ich lebhaft und hielt Majestät eine Miniatur vor Augen, "dann sollten Majestät sich dieses Bildnis ansehen … Ist die Ähnlichkeit nicht frappierend?… Nun, es ist Majestät, allerdings um zehn Jahre verjüngt."
"Was sehe ich da? So kurz geschnittenes Haar? Nur ein paar Finger breit vom Kopf entfernt?"
"Ja, Madame, das wird, Majestäts Zustimmung vorausgesetzt, die neue coiffure à l'enfant. Ihr werdet sehen, dass sie genauso begeistert übernommen werden wird wie alle anderen, die ich für Majestät erschuf."
"Ihr habt eigentlich recht, Léonard; sieht bezaubernd aus! So frisiert, bin ich tatsächlich erst achtzehn … Aber meine schönen Haare! Muss ich die wirklich opfern?"
"Zum Trost wird Majestät alle Damen bei Hofe, alle Damen Frankreichs ihr Haar opfern sehen …"
"Aber wenn die Mode sich wieder ändert?"
"Wer würde denn eine neue Mode zu übernehmen wagen, ohne dass Majestät durch ihr Vorbild dazu Anstoß gegeben hätte? Sollte irgendein Ehrgeizling unter diesem Schwarm von Pariser Schwadroneuren, die sich Coiffeure nennen, zu einem solchen Wechsel Anstoß geben, werde ich ihn vom Journal des Dames vernichten lassen. So jemand stünde auf verlorenem Posten."
Unter dem regenerierenden Zugriff meiner Schere fiel der Königin schönes Haar, und bereits zwei Wochen später waren alle Damen bei Hofe à l'enfant frisiert.


Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem jetzt erscheinenden Buch: "Léonard, der Coiffeur der Königin." Aus dem Französischen von Annette Lallemand.Herausgegeben von Carolin Fischer. Edition Ebersbach, Berlin 2009. 264 Seiten. 24 Euro.

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