Zeitung Heute : Lern-Shops als Ausweg Bildung in Eigenverantwortung

Herr Sandrock[die Hannover Messe Industrie ist vo]

Michael Sandrock ist Vorsitzender der Deutschen Telematikgesellschaft. Mit ihm sprach Regina-C. Henkel.

Herr Sandrock, die Hannover Messe Industrie ist vorbei, verschwindet das Thema IT-Fachkräftemangel damit in der Versenkung?

Wahrscheinlich wird weitergewurschtelt wie bislang. Die Greencard war Modethema für den einen Monat zwischen CeBIT und Hannover Messe. An der grundlegenden Misere wird sich nichts ändern.

Wie stellt sich diese Misere dar?

Es fehlen nicht nur mindestens 300 000 Spezialisten, wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer schon seit langem sagt. Viel schlimmer noch: Die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen ist nicht akzeptabel. Das hat der Bochumer Arbeitsökonom Erwin Staudt bereits im vergangenen Jahr nachgewiesen.

Sie kennen einen Ausweg?

Die Hochschulen haben sich schon lange aus dem Weiterbildungs-Angebot für Arbeitnehmer verabschiedet, die Industrie fordert den selbstständigen Mitarbeiter mit Eigenverantwortung und die Lernprozesse beschleunigen sich dramatisch. In diesem Bermuda-Dreieck droht das Thema Qualifizierung unterzugehen. Die Unternehmen sind nicht bereit, die Qualifikationsdefizite im IT-Business auszugleichen. Das bedeutet: Weiterbildung muss zur originären Verpflichtung der Arbeitnehmer selbst werden. Das Problem: Es fehlen professionelle Angebote.

Ihr Lösungsvorschlag?

Will man Weiterbildung an Menschen heranbringen, dann doch am besten dort, wo sie sich täglich aufhalten - im Supermarkt. Shopping, Erlebnis und Lernen, das machen die Amerikaner schon seit 1988. Untersuchungen aus dem Staat Indiana zeigen eine deutliche Erhöhung der Lernquoten; insbesondere bei Arbeitslosen. Übersetzt auf unsere Verhältnisse bedeutet das: Es können genau die Zielgruppen erreicht werden, die der VDI in seiner Initiative "Unterstützung arbeitsloser Ingenieure" bereits mit großem Erfolg anspricht. Von den aktuell 50 000 arbeitslosen Ingenieuren sind 50 Prozent über 55 Jahre alt. Mit dem Supermarkt-Konzept wäre die Eintrittsbarriere überwunden.

Und wer bezahlt das?

In den USA bezahlt das der Arbeitnehmer. Weil die Gestehungskosten durch die massenhafte Vermarktung niedrig sind, ist das zumutbar. Wichtiger aber noch als der Preis ist die Erreichbarkeit. Man stelle sich vor, dass Käse so verkauft würde wie hierzulande Weiterbildung. Der bliebe bis zum Verschimmeln in den Regalen liegen.

Offerieren die Lernshops nur IT-Kurse?

Fachkräftemangel ist schon heute kein singuläres Problem der IT-Welt mehr. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, geht davon aus, dass in drei Jahren in der gesamten Bandbreite Arbeitnehmer gesucht werden. Kommunikation, Kooperation und eigenständiges Lernen müssen ganz dringend und schnell überall Realität werden.

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