Zeitung Heute : Lerne, das Leben zu schätzen

China sperrt Drogenkranke nicht mehr ins Gefängnis, sondern in Umerziehungslager. Besuch in der größten Anstalt des Landes

Harald Maas[Kunming]

Für die junge Yu war es die tägliche Flucht aus ihrem Leben als Fabrikarbeiterin. Abends nach Schichtende schloss sie sich mit ihrer Freundin im Wohnheim ein. Das Päckchen mit dem „bai fen“ – dem „weißen Pulver“ – hatten sie sich zuvor bei einem Dealer besorgt. 50 Yuan für ein paar Krümel Heroin, etwa fünf Euro. „Immer wenn wir Geld hatten, haben wir es genommen“, sagt Yu. Vor zwei Monaten wurden sie von der Polizei geschnappt. Jetzt sitzt die 23-Jährige in einer anderen Fabrik.

Mit Hunderten drogenabhängigen Frauen muss sie in einem Lager Stoffherzen und andere Souvenirs für Touristen herstellen. Polizisten in dunklen Uniformen bewachen die Produktion.

„Südlich der Wolken“ nennen die Chinesen die Provinz Yunnan im Süden der Volksrepublik. Es ist eine liebliche Landschaft mit breiten Flüssen und tropischen Wäldern. Doch die an der Grenze zum berüchtigten Goldenen Dreieck gelegene Provinz ist im „Krieg“, das erklären zumindest Chinas Regierende. Yunnan sei die „vorderste Front“ im Kampf gegen Drogen, warnen chinesische Drogenexperten. Über die mehr als 4000 Kilometer lange Grenze zu Myanmar (Birma), Vietnam und Laos werden jedes Jahr Tonnen von Heroin, Opium und andere harte Drogen nach China und von dort zum Teil weiter in den Westen geschmuggelt. 68000 Drogenabhängige gibt es laut offiziellen Statistiken in Yunnan. In ganz China sollen es knapp 800000 sein. Im April rief Politbüromitglied und Minister für Öffentliche Sicherheit, Zhou Yongkang, deshalb zum „Volkskrieg“ gegen Drogen auf.

„Eins, zwei, drei“ – schallt es aus Hunderten Kehlen gleichzeitig. In Reih und Glied marschieren die Insassen des „Zentrums zur zwangsweisen Drogenentgiftung und Rehabilitierung“ über den Betonplatz. Die streng bewachte Anlage am Stadtrand der Provinzhauptstadt Kunming ist im Grunde ein Umerziehungslager. Drei bis sechs Monate werden die 5500 Drogenabhängigen hier in Achtbettzimmern eingeschlossen. Die Haare der Männer sind wie die von Gefangenen kurz geschoren. Alle tragen die gleichen dunkelblauen Trainingsanzüge. Der Umgangston ist militärisch. Während die Männer auf dem Platz des Marschieren üben, korrigiert ein Polizeibeamter die Körperhaltung der Männer: „Kreuz gerade halten!“ Der Entzug führt in China über militärische Disziplin und viel Arbeit.

Acht bis zehn Stunden am Tag sitzt Yu auf einem kleinen Hocker, um in Handarbeit Anhänger und andere Touristensouvenirs herzustellen. Manche der Frauen in den pinkfarbenen Trainingsanzügen sind erst 16 Jahre alt. Ihre Gesichter wirken verbraucht. Während der Arbeit blicken sie zum Boden, keiner sagt etwas. „Einmal in der Woche dürfen wir nach draußen telefonieren“, berichtet Yu mit leiser Stimme. Meistens ruft sie ihre Mutter in der Heimatprovinz Sichuan an. Manchmal kommt auch ihr Freund aus Kunming, um sie zu besuchen. Dann sitzt sich das junge Paar in einer von Polizisten bewachten Halle an Tischen gegenüber. „Wir haben absichtlich keine Glasscheiben zwischen den Besuchern und den Insassen“, sagt Shen Jie, der Vizedirektor des Lagers.

Trotz des strengen Regiments ist das Lager in Kunming ein Fortschritt. In den Augen der Kommunisten war Drogenkonsum ein Ausdruck kapitalistischer Bourgeoisie. Bis vor wenigen Jahren wurden Abhängige wie Schwerkriminelle behandelt und in Gefängnisse gesperrt. Um die körperlichen und psychischen Folgen der Abhängigkeit kümmerte sich niemand.

273000 Drogenkonsumenten wurden 2004 von Chinas Behörden festgenommen und zwangsweise in Entziehungslager eingeliefert. Kunming ist das größte des Landes und eines der fortschrittlichsten. Die Abhängigen bekommen chinesische und westliche Medizin verabreicht, um die Schmerzen bei der Entziehung zu lindern. Das Personal ist psychologisch geschult, auch wenn die Methoden altmodisch erscheinen. Zum „Unterricht“ liest ein Arzt im weißen Kittel den Männern aus der Zeitung vor. „Schätzt das Leben, nehmt keine Drogen!“ steht in roten Schriftzeichen an der Rückwand. In einem anderen Gebäude singen Männer und Frauen unter Aufsicht einer Polizistin das Lagerlied. „Vater und Mutter, euer Kind hat es falsch gemacht“, lautet die erste Liedzeile.

Nicht bei allen ist die Therapie erfolgreich. Chan ist 30, seit zehn Jahren heroinsüchtig und schon zum dritten Mal in dem Entziehungslager. „Ich habe mich an das Leben hier gewöhnt, da ist es nicht mehr so hart“, sagt der Mann aus der Provinz Hunan. Auf Schleifmaschinen schneidet er in einer Werkshalle mit anderen Insassen künstliche Edelsteine zurecht. Von 8 bis 18 Uhr dauert seine Schicht, Sonntag hat er frei. Zuletzt hatte Chan sich zwei- oder dreimal am Tag Heroin ins Bein gespritzt. Wie er an das Geld für seine Sucht kam, einige Tausend Yuan im Monat, will der Gelegenheitsarbeiter nicht sagen. Ob er es diesmal schafft, von der Sucht loszukommen, weiß er nicht.

Zu Maos Zeiten hatten Chinesen weder Geld noch Gelegenheit, Drogen zu konsumieren. Der größte mögliche Rausch war damals, mit Freunden im Staatslokal eine Flasche „Erguotou“ zu trinken, einen hochprozentigen Pekinger Schnaps. Mit der Öffnung Anfang der 80er Jahre breiteten sich jedoch harte Drogen in China aus. Seit 1990 hat sich die Zahl der offiziell registrierten Abhängigen verzehnfacht. Fabrikarbeiter spritzen sich Heroin in die Beine, um die endlosen Schichten am Fließband zu überstehen. In Schanghai und Peking schnupfen Büroangestellte Kokain. Junge Partygänger schlucken bunte „Yao tou wan“ (wörtlich übersetzt: „Kopfschüttelpillen“) – Ecstasy. Das Ausmaß der Drogensucht sei „in einigen Regionen enorm“, warnen Yunnans Drogenkontrolleure in einem Bericht.

Auf dem Vormarsch sind vor allem synthetische Drogen. 60 Prozent mehr Designerdrogen als im Vorjahr stellten chinesische Polizisten dieses Jahr bei Razzien sicher. „Unser größtes Problem ist, dass die Drogenfelder und Fabriken in den Nachbarländern liegen und wir dort keinen Zugriff haben“, sagt Polizeichef Sun. Versteckt in den Benzintanks von Lastwagen, in ausgehöhlten Metallstangen und Keksdosen, schmuggeln die Drogenbanden das Rauschgift über die Grenze.

Die Gewinne der bewaffneten Banden sind riesig. 100000 Yuan (10000 Euro) bringt der Verkauf von einem Kilo Heroin in Kunming – für viele Chinesen sind das zehn Jahresgehälter. In der südlichen Wirtschaftsmetropole Guangzhou ist der Preis bereits dreimal so hoch. Wie in Südamerika setzt Chinas Drogenmafia auch menschliche Drogenkuriere ein, die das Heroin in Kondomen verpackt im Magen transportieren.

Die Konsumenten landen in der Abteilung von Tian Zhenling, Doktor im Kunminger Entziehungslager. In langen Reihen liegen die Süchtigen auf Metallbetten, die meisten sind zu schwach, sich zu bewegen. „Viele haben Leberprobleme, Husten oder Fieber“, sagt der Militärarzt. Durch die Nadeleinstiche haben sie oft Entzündungen an den Beinen. Das größte Gesundheitsrisiko ist jedoch Aids. 20 Prozent der Insassen im Lager seien HIV-positiv, sagt Vizedirektor Shen. Unsaubere Heroinspitzen sind die mit Abstand wichtigste Ursache für die rasante Ausbreitung von Aids in China. Bis 2010 könnten zehn Millionen Chinesen HIV-infiziert sein, heißt es in einem Bericht der Vereinten Nationen. Die Fabrikarbeiterin Yu ist nicht infiziert. Sie sei nur ein halbes Jahr abhängig gewesen und habe nie gespritzt, berichtet sie.

Zwei Monate muss sie noch im Lager bleiben und Souvenirs produzieren. „Vielleicht ist es gut, dass man mich erwischt hat“, sagt sie. Außer ihrer Mutter und ihrem Freund wisse niemand von ihrer Sucht. „Wenn ich draußen bin, werde ich auf keinen Fall wieder anfangen“, erklärt sie. Vor ihr liegt das Muster für einen Anhänger, den sie aus roten und gelben Fäden flicht. „Fu“ steht darauf geschrieben – das Zeichen für „Glück“.

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