Zeitung Heute : Lernen de Luxe

Weiterbildung bei Sekt und Kaviar – lernt so die Management-Elite? In den meisten Firmen gilt eher: gleiches Recht für alle

Silke Zorn

Eine Villa im Grunewald, Meetings auf der Dachterrasse, Brainstorming im Whirlpool und Small-Talk bei Sekt und Kaviar – es gab Zeiten, da ließen sich große Unternehmen die Fortbildung ihrer Führungskräfte einiges kosten. Doch wie sieht es heute aus, wo fast überall die Gürtel enger geschnallt werden müssen? Schwelgen die Top-Manager während der Weiterbildungen nach wie vor im Luxus, während das Fußvolk sich mit Schmalspur-Kursen im Pausenraum zufrieden geben muss?

Bei der Sparkassenakademie in Potsdam will man von solch einer Zwei-Klassen-Gesellschaft nichts wissen. Umgeben von hohen Kiefern, am Ufer des Templiner Sees gelegen, mutet das moderne Gebäude aus Stahl und Glas auf den ersten Blick zwar ganz schön elitär an. Doch der Eindruck täuscht. In dem vom Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverband (OSGV) betriebenen Schulungscenter können sich alle 31 000 Mitarbeiter der Sparkassen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt aus- und weiterbilden lassen – von der Sekretärin bis zum Vorstandsvorsitzenden.

„Bei einer Akademikerquote von rund fünf Prozent können wir es uns gar nicht leisten, nur diejenigen fortzubilden, die ohnehin schon einen Hochschulabschluss mitbringen“, erzählt der stellvertretende Akademieleiter Rolf Wörle. „Wir müssen und wollen allen Mitarbeitern ermöglichen, an ihrer beruflichen Qualifikation zu arbeiten.“ Entsprechend breit gefächert sind auch die Seminarangebote. So gibt es zum Beispiel Workshops zum Private Banking, Schulungen für Verkaufstrainer, Vorstandstagungen und Foren für Sekretärinnen. im Herbst steht ein Fachkongress zum E-Learning auf dem Programm.

Die Annehmlichkeiten des Hauses dürfen dabei alle gleichermaßen genießen. In der geräumigen Sporthalle spielt eine bunte Truppe in T-Shirts und Trainingshosen Basketball. Und es ist beim besten Willen nicht auszumachen, ob da Filialleiter oder Schalterangestellte Jagd auf die Körbe machen.

Eine Sauna, Squashplätze und ein Fahrradverleih stehen ebenfalls allen Tagungsgästen zur Verfügung. Im Fitnessraum berät bei Bedarf ein persönlicher Coach. Nebenan kann nach Feierabend die hauseigene Kegelbahn benutzt werden. „Nur ein Schwimmbad haben wir nicht. Der Betrieb wäre einfach zu teuer“, bedauert Rolf Wörle. Wem der Sinn eher nach Kopfarbeit steht, kann allerdings die Bibliothek besuchen oder sich im Börsencenter – ausgestattet mit Computern, Internet und Fernsehern – über die aktuellen Aktienkurse informieren.

Schicke Weiterbildungs-Villen für die Führungselite sucht man nach eigenem Bekunden auch beim großen Elektronik-Konzern Siemens vergeblich. „Wir haben so viele Standorte, da würde solch eine zentrale und noch dazu teure Fortbildungseinrichtung gar keinen Sinn machen“, sagt Unternehmenssprecher Michael Scheuer.

Wie zahlreiche andere Großunternehmen in Deutschland hat Siemens zwar firmeneigene Akademien ins Leben gerufen. Die Siemens Technik Akademien in München, Paderborn und Berlin sind allerdings nicht für die Weiterbildung berufserfahrener Führungskräfte bestimmt, sondern bieten Berufsanfängern eine praktische Ausbildung kombiniert mit einem Studium. „Alle Seminare, die sonst noch benötigt werden – Sprachkurse, interkulturelles Training, Personalführung, Management – organisieren wir je nach Bedarf in verschiedenen Tagungshotels oder Trainingscentern“, sagt Scheuer.

Der Weiterbildung des Top-Managements hat sich auch die Schering Corperate University verschrieben. In der hauseigenen Kaderschmiede vermitteln verschiedene Trainingsprogramme Führungskräften neustes Management-Wissen, allerdings nicht in Stuck geschmückten Villen, sondern auf dem Uni-Campus.

„Wir bieten unsere Managementfortbildungen gemeinsam mit ausländischen Partner-Universitäten an“, sagt Gabriele Liebmann-Elbadry von Schering. Berufserfahrene Teilnehmer können etwa an der britischen Cranefield University of Management etwas über Entwicklungsstrategien und globale Vernetzung lernen. Der Management-Nachwuchs darf an der US-amerikanischen Duke University an seinen Führungskompetenzen arbeiten und über die Entwicklung neuer Konzernstrategien debattieren.

Separate Geschäftsbereiche, die sich einzig und allein mit der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter beschäftigen, sind bei vielen großen Firmen mittlerweile Gang und Gäbe. Die Telekom hat hierfür sogar eigens ein Unternehmen gegründet: den Dienstleister Telekom Training. Rund zwanzig Tagungshotels und Trainingscenter stehen bundesweit für Seminare aus den verschiedensten Geschäftsbereichen zur Verfügung. In Berlin konnte man bis vor einiger Zeit Tür an Tür mit den Nordischen Botschaften die Aktenmappen aufschlagen – im Telekom-Tagungshotel am Tiergarten. Im Moment kann das weitläufige Gebäude mit dem imposanten Säulenportal allerdings aus bauordnungsrechtlichen Gründen nicht genutzt werden.

Ansonsten bieten die Telekom Tagungshotels von Hamburg bis München zwar viel moderne Technik und meist auch Sauna und Solarium. Von Champagner nippenden Managern, die nach Feierabend mit Fünf-Gänge-Menü und Entspannungsmassage verwöhnt werden, fehlt allerdings jede Spur.

Doch wer weiß, vielleicht gibt es sie ja noch irgendwo, die schicke Weiterbildungs-Villa tief im Grunewald oder am Wannseestrand. Und es will nur keiner zugeben.

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