Zeitung Heute : Lernen für die Arbeitswelt

Das neue Berliner Zentralabitur soll die Schüler besser auf die Universität und den Beruf vorbereiten

Antje Kröger

Im Süden Deutschlands ist es schon lange Zeit gang und gäbe. 54 Jahre später kommt es auch nach Berlin: das Zentralabitur. Im Schuljahr 2006/2007 wird nicht nur das, sondern eine Vielzahl an Neuerungen auf die Berliner Gymnasiasten zukommen. Zum Beispiel eine neue Prüfungkomponente, die aus einer Hausarbeit und anschließender Diskussion mit Lehrern besteht.

Zum neuen Abitur gehören zentrale Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und in einer Fremdsprache. Die Abituraufgaben kommen direkt von der Senatsverwaltung für Bildung, die einzelnen Lehrer haben keinen Einfluss auf die Fragestellung. Die restlichen Prüfungen bleiben dezentral und werden vom Fachlehrer gestellt. Bisher setzte sich die Hochschulreife aus nur vier dezentralen Prüfungsfächern zusammen.

Neben drei schriftlichen und einer mündlichen Prüfung gibt es neuerdings noch die verbindliche fünfte Prüfungskomponente – auch besondere Lernleistung genannt. Sie setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der erste Teil umfasst eine 20-seitige Hausarbeit, die sich aus der Teilnahme an zwei Seminarkursen ergibt, sich auf einen gewählten Kurs bezieht oder einen Beitrag im Rahmen eines Wettbewerbs (etwa Jugend forscht, Jugend musiziert) darstellt. Sie soll bis Dezember vor dem jeweiligen Abiturtermin des nächsten Jahres abgeliefert werden. Damit noch genug Zeit für ein 20-minütiges Kolloquium bleibt, bei dem sich die Schüler den Fragen der Lehrer stellen und ihre Arbeiten präsentieren.

Diese neue Komponente zählt punktemäßig genauso viel wie die anderen Prüfungen, ist aber nicht vergleichbar mit herkömmlichen Schulklausuren. Sie soll den Schülern „die Möglichkeit geben, individuell und fächerübergreifend selbstständiges Arbeiten zu erlernen“, sagt Oberschulrat Gerhard Nitschke vom Berliner Senat für Bildung. In Baden-Württemberg hat man bereits gute Erfahrungen mit dieser besonderen Lernleistung gesammelt. Hans-Jörg Blessing, Sprecher des Kultusministeriums in Stuttgart, ist überzeugt, dass es den Schülern hilft, sich „auch später im Studium und in der Arbeitswelt zurecht zu finden“. Ein sehr wichtiger Aspekt, glaubt Oberschulrat Nitschke, denn im Leben nach der Schule sei man stets gefordert eigenhändig erstellte Arbeiten zu verteidigen und anderen Personen vorzustellen.

Auf Schülerseite gibt es noch Bedenken gegen das Zentralabitur. „Wir Schüler wissen nicht, ob plötzlich etwas im Abitur drankommt, was wir gar nicht durchgenommen haben – aufgrund von Unterrichtsausfall zum Beispiel“, sagt Markus Gollar, Schüler an der Georg-Büchner-Oberschule und Mitglied des Landesschülerrates. Er hat Zweifel, ob Zentralabitur und neue Prüfungskomponente wirklich positive Folgen haben.

Auch eher skeptisch betrachtet Manfred Thuning vom Landeselternbeirat Berlin das neue Modell und merkt an: „Die Aufregung bei den Eltern ist zwar verhalten, aber trotzdem herrschen noch eine ganze Menge Unklarheiten.“ Vor allem Gymnasien, die „etwas hintendran“ seien, hätten Schwierigkeiten bei der Umsetzung der neuen Richtlinien. Letztendlich gehe es aber darum, unterschiedliche Schulen mit verschiedenen Niveaus auf einen Nenner zu bringen. „Das ist ein Schritt, der heutzutage nicht mehr hinterfragt werden kann“, sagt Thuning. Die Differenzen zwischen den einzelnen Gymnasien müssten endlich ausgebügelt werden.

Hans-Jörg Blessing in Stuttgart ist sicher, dass „das System des Zentralabiturs für Vergleichbarkeit und Gerechtigkeit sorgt“. Es sei daher für alle Bundesländer empfehlenswert. Da aber die Bildungspolitik Ländersache ist, findet nur wenig Absprache zwischen den einzelnen Ministerien statt. Trotzdem hat man etwas nach Süden geschielt, als 2004 das neue Modell der Berliner Gymnasien verabschiedet wurde. Von den Neuerungen erhofft sich Oberschulrat Gerhard Nitschke außerdem eine Verbesserung bei den Abiturnoten. „Die letzten Jahre waren wir hier in Berlin bundesweit das Schlusslicht, was die Durchschnittsnote betrifft. Das soll sich mit Hilfe der Umstrukturierungen in der gymnasialen Oberstufe ändern.“

Die Universitäten begrüßen die Reformen. Bedeutet sie doch, dass in Zukunft Studenten in den Hörsälen sitzen, die selbstständiges, projektorientiertes Arbeiten gewohnt sind. „Es ist ein sehr vernünftiges Konzept, das aus universitärer Sicht zu einem Anheben des Leistungsstandards führt“, sagt Pädagogik-Professor Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt-Universität.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben