Zeitung Heute : Lernen im Einklang mit Tradition und Natur

Das Landschulheim Grovesmühle im Nordharz bietet einen familiären Internatsbetrieb und drei verschiedene Schulabschlüsse

Susanne Vieth-Entus

In den weitläufigen Gebäuden einer historischen Papiermühle im Nordharz ist das Landschulheim Grovesmühle untergebracht. Hier kann man den Realschulabschluss machen und auch das Abitur ablegen. Zudem gibt es seit diesem Schuljahr einen Berufsschulzweig, der in Kooperation mit der Hochschule Harz angeboten wird und zur Fachhochschulreife führt.

Die Schule mit Internat wird in der Tradition der Landschulheime geführt, was der Geschichte des Standortes geschuldet ist. Denn auf dem Gelände der alten Mühle hatte der Begründer der deutschen Landschulheimbewegung, der Reformpädagoge Hermann Lietz, im Jahre 1914 das erste Landwaisenheim gegründet. Der Leitgedanke der Landschulheimbewegung war der, dass Unterricht und gemeinschaftliches Leben eine pädagogische Einheit bilden sollten.

Was damit gemeint war, ist heute an den vielfältigen Nachmittagsangeboten abzulesen. In der Tradition von Lietz gibt es ein rundes Dutzend „Gilden“, die anderswo „Arbeitsgemeinschaften“ genannt werden. Die Schüler können wählen zwischen Rollenspielen nach freiem Drehbuch („Fantasy“), Klettern an der großen Kletterwand, Basketball, Schießen, Motorradfahren, Informatik, Wellness, Fitness, Gesang und Fußball. Eine weitere Arbeitsgemeinschaft bewirtschaftet das Schülercafé; auch ein Internetcafé kann genutzt werden.

Beim Gang über das Internatsgelände begegnen dem Besucher etliche Tiere. Da gibt es etwa einen Streichelzoo mit Ponys und Ziegen, um die sich eine Biologielehrerin mit den Schülern kümmert. Es gibt einen Gänsestall und einen kleinen Reitstall mit acht Pferden. Dies alles liegt eingebettet zwischen Feldern, Bäumen, einem kleinen Flusslauf und einem malerischen Teich. Wer das Gelände erkundet, bekommt noch mehr zu sehen. So haben Lehrer, Erzieher und Schüler in Eigenarbeit eine Remise errichtet. Hier können Schüler mit Holz arbeiten. Im Herbst etwa fertigten Schüler rustikale Holzbänke. Vom Verkaufserlös soll eine große Elektrosäge gekauft werden. Ein paar Meter weiter stößt man auf eine Außentreppe, die in einen ausgebauten Dachstuhl mit PC-Arbeitsplätzen führt.

Dass heute rund 300 Schüler wieder in der Grovesmühle lernen – davon rund 75 Internatsschüler – grenzt an ein Wunder. Denn der ganze Gebäudekomplex war nach dem Mauerfall in einem erbärmlichen Zustand. Es sah so aus, als wäre die Grovesmühle als Schulstandort verloren. Vor allem die marode Gebäudesubstanz war ein Problem. Millioneninvestitionen und ein tragfähiges Konzept wurden notwendig. Lange Zeit bemühte sich die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime vergeblich darum, den traditionsreichen Standort im Nordharz zu retten, bis sie einen erfahrenen Internatsleiter aus Hessen fand: Gert-Ulrich Buurman, der das renommierte Marburger Landerziehungsheim Steinmühle in zweiter Generation führt. Mehr als ein Jahr nahmen die Bauarbeiten in Anspruch. Es wurden nicht nur alle Heizungen erneuert, sondern auch das prächtige Fachwerkhaus mit seinem alten Wappen und den verzierten Türen. Es wurde im Laufe des Jahres 1994 rekonstruiert.

Bei der Wiedereröffnung des Internates ist es aber nicht geblieben. Vor einigen Jahren übernahm Buurman noch die Trägerschaft für die Grundschule im benachbarten Veckenstedt, die andernfalls mangels Nachwuchs geschlossen worden wäre. In der Grovesmühle selbst hat sich seither auch einiges getan: Im Sommer startete die Fachoberschule in Zusammenarbeit mit der Hochschule Harz. Die Idee entstand, weil ein Teil des Informatik- und Physikunterrichts bereits an der Hochschule erteilt wird – mit guten Erfahrungen.

Wer die Schule kennenlernen will, kann das übrigens mit Ausflügen in die historischen Stadtkerne von Wernigerode und Quedlinburg verbinden oder mit einer Wanderung auf den Spuren von Heinrich Heines „Harzreise“ im romantischen Ilsetal.

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