Zeitung Heute : Lernen im Schlaf

Wer sich weiterbilden will, muss schlummern – sagen Hirnforscher

Bas Kast

Schlaf – was für eine Zeitverschwendung! Napoleon hielt all jene, die mehr als vier Stunden Nachtruhe brauchten, für Memmen. Und mal ehrlich: Haben Sie nicht auch schon mal so gedacht? Vor allem, wenn wir grad Tolles erleben. Oder wenn eine wichtige Prüfung ansteht: Wer hat in Studienzeiten nicht schon die Nacht durchgebüffelt!

Erst in den letzten Jahren haben Hirnforscher erkannt, wie wichtig der Schlaf gerade in dieser Situation ist. Ihre zentrale Erkenntnis: Wer sich weiterbilden will, muss schlummern. Denn während wir schlafen, festigt sich in unserem Gehirn das Gedächtnis. „Die Befunde, die für diese Vermutung sprechen, sind mittlerweile erdrückend“, sagt etwa der Lübecker Schlafforscher Jan Born.

Den ersten stichhaltigen Beweis lieferten bereits im Jahr 2000 der Harvard-Forscher Robert Stickgold und seine Kollegen. Die Wissenschaftler setzten zahlreiche Testpersonen vor einen Computermonitor, auf dem ein Muster erschien, das die Teilnehmer so schnell wie möglich erkennen sollten: drei kurze diagonale Linien. Um die Aufgabe zu erschweren, wurde der Rest des Bildschirms mit Störreizen gefüllt – lauter horizontalen Linien. So ging das Runde um Runde. Die Aufgabe aber erwies sich als dermaßen schwierig, dass sich die Probanden beim Abarbeiten der Übung nur kaum verbesserten.

Verblüffendes tat sich auf, als die Forscher die Testpersonen am nächsten Morgen, nach einer Nacht Schlaf, noch einmal testeten: Nun erkannten sie die Muster plötzlich viel schneller als noch am Tag zuvor. Der Effekt verstärkte sich noch an den nächsten zwei, drei Tagen. Ganz anders fiel das Ergebnis aus, wenn man die Probanden in der Nacht nach dem Trainingstag am Schlaf hinderte: In diesem Fall verbesserte sich ihre Leistung nicht, egal, ob sie in der zweiten oder dritten Nacht bis in die Puppen ausschliefen – eine Nacht Schlafentzug hatte den Lernprozess nachhaltig ausgelöscht.

Anschließende Experimente haben gezeigt, dass vor allem Aufgaben, bei denen wir Fertigkeiten lernen, von einem Nickerchen profitieren – Tippen zum Beispiel oder auch der Erwerb von Lauten einer Fremdsprache. Vermutlich lernen wir diese Fähigkeiten während des REM- Schlafs („Rapid Eye Movement“), das ist die Traumphase, die vor allem in der zweiten Nachthälfte stattfindet.

Das Fakten-Lernen (zum Beispiel Vokabeln oder die Hauptstadt von Kanada, aber auch persönliche Erlebnisse, wie Kindheitserinnerungen) geschieht dagegen eher während des Tiefschlafs, in den wir in den ersten Schlafstunden fallen. Dabei scheint der Tiefschlaf die Prozesse im Traumschlaf vorzubereiten.

Für die Praxis heißt das: Wenn Sie es in Ihrer Weiterbildung mit komplexer Materie zu tun haben, dann sollten Sie zwar vorzugsweise morgens lernen, da dann die Konzentration am höchsten ist. Es wäre aber hilfreich, sich die wichtigsten Teile der Aufgaben abends noch einmal ins Gedächtnis zu rufen – kurz vorm Schlafengehen.

Die ersten Stunden Tiefschlaf sind für alle wichtig. Wenn Ihre Weiterbildung darin besteht, nicht nur Fakten, sondern auch Fertigkeiten zu erwerben – die Bedienung einer Maschine, ein chirurgischer Eingriff –, dann müssten Sie darüber hinaus vor allem eins: ausschlafen. Sie befürchten, Ihr Arbeitgeber könnte sich über Ihre Methode beschweren? Nun, zumindest können Sie ihm entgegenhalten, dass Ihre Einstellung wissenschaftlich korrekt ist.

Sie können ja mal darüber schlafen.

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