Zeitung Heute : Lernen in kleinen Schritten Hilfe für Menschen, die unter Autismus leiden

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Die Frau friert nicht, auch nicht im Winter. Deshalb trägt sie weder Mantel noch Strümpfe. „Zieh dich bitte warm an, du wirst dicht erkälten“, könnte man ihr sagen. Doch sie würde sich trotzdem nicht anziehen. Die Bewohnerin versteht zwar die Worte, aber sie begreift sie nicht, denn sie leidet unter Autismus. Deshalb erklären die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Haus Nebo in der Ortschaft Bethel in Bielefeld nicht viel, sondern bringen ihr in mühsamen Einzelschritten Fähigkeiten bei, damit sie möglichst alleine zurechtkommt. So hat die Frau zum Beispiel gelernt, jeden Morgen auf ein Thermometer am Fenster zu schauen. Das ist in Bereiche eingeteilt, denen jeweils bestimmte Kleidungsstücke zugeordnet sind.

Autismus ist spätestens seit dem Film „Rainman“ mit Dustin Hoffmann vielen Menschen ein Begriff. Es ist eine psychische Behinderung, die mit Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation, der emotionalen Entwicklung und der sprachlichen Kompetenzen einhergeht, wie die Fachleute es ausdrücken. Der Schweregrad ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Nach dem heutigen Wissensstand kommen in Deutschland auf 10 000 Personen bis zu 15 Menschen mit autistischen Störungen. Jungen sind drei bis vier Mal häufiger betroffen als Mädchen. Die ersten Anzeichen treten meist bereits im Säuglings- beziehungsweise frühkindlichen Alter auf.

Auch wenn Autismus nicht heilbar ist, so kann den Menschen durch Einsatz geeigneter Methoden doch zu mehr Selbstbestimmung und Unabhängigkeit verholfen werden. Bethel verfügt über jahrelange Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Die Frau im Haus Nebo lebt gemeinsam mit vier Männern in einer neu eingerichteten Wohngruppe für junge Erwachsene mit Autismus – ein Hilfsangebot von vielen. Damit reagiert Bethel auf den großen Bedarf, der speziell für diese Altersgruppe besteht, denn die angebotenen Hilfen konzentrieren sich in erster Linie auf Kinder.

Gefördert werden die autistischen Menschen unter anderen nach dem in den USA entwickelten TEACCH-Programm. Das ist eine speziell für autistische Menschen entwickelte Lernmethode, die den Betroffenen in kleinen Schritten etwas beizubringen versucht. In der Wohngruppe wird zum Beispiel mit bebilderten Tagesplänen gearbeitet. Darauf sind Tätigkeiten wie Duschen, Frühstücken oder Ausruhen vermerkt. Jeder Bewohner arbeitet seinen Plan von oben nach unten ab und hängt dann das jeweilige Symbol von links nach rechts. Bei der jungen Frau gehört auch das richtige Anziehen dazu. Durch ein halbes Jahr Übung weiß sie nun, was zu tun ist. Nach einem Blick aufs Thermometer holt sie sich die passenden Sachen aus dem Schrank und zieht sie an. pivo

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