Zeitung Heute : Lernen mit Laptop und Beamer

Der Tagesspiegel

Von Simone Leinkauf

Die Schule der Zukunft: Wenn der Lehrer den Raum betritt, sitzen die Schüler schon längst an ihren Tischen. Konzentriert arbeiten sie an kleinen, mitten im Raum stehenden Lerninseln mit jeweils sechs Rechnern. Der Lehrer hat kein eigenes Pult, sondern sitzt immer mal bei einer anderen Schülergruppe, diskutiert die zusammengetragenen Rechercheergebnisse, gibt Tipps, wie man Informationen zu einem bestimmten Schriftsteller findet oder wie eine Prä sentation über eine Polarexpedition optisch ansprechend aufbereitet werden kann. Und wenn die Schulglocke läutet, ist der Unterricht noch längst nicht zu Ende. Nachmittags sitzen die Kinder zu Hause am PC und arbeiten weiter, bombardieren ihren Lehrer mit E-Mails oder bekommen von diesem Internet-Links, die in ihre Arbeit passen. Die Ergebnisse dieser Arbeit können später auf der Homepage der Schule eingesehen werden.

Zu schön, um wahr zu sein? Alles nur Zukunftsmusik? Weit gefehlt: Im Gymnasium Ulricianum im ostfriesischen Aurich ist das schon heute Wirklichkeit. Reinhard Donath begann vor 13 Jahren Computer und Internet in den Unterricht einzuführen. Inzwischen ist der Englischlehrer davon ü berzeugt, dass selbst Sprachunterricht vom Einsatz der eigentlich gar nicht mehr so neuen Medien profitieren kann. In seinem Leistungskurs wird der Computer zum Werkzeug, das das Recherchieren und Aufbereiten von Themen nicht nur erleichtert, sondern zu einer spannenden virtuellen Exkursion werden lässt. Die Kommunikation kommt dabei nicht zu kurz: „Die Schüler sitzen gemeinsam vor dem Bildschirm und diskutieren über ihre Arbeit“, betont Donath, „mehr als wenn ich mich vorne hinstelle und ihnen was erzähle.“ Sein Konzept stellte der engagierte Pädagoge am Montag auf einem von der Universität Bielefeld ausgerichteten und der Cornelsen-Stiftung „Lehren und Lernen“ finanzierten Symposium „Neue Medien und Schulentwicklung“ vor.

Vorangegangen ist dem Symposium eine ebenfalls von der Cornelsen-Stiftung finanzierte Studie, für die von Januar 1999 bis Dezember 2001 drei Befragungen nach der Delphi-Methode durchgefü hrt wurden. Kennzeichen dieses Verfahrens ist, dass den Befragten anonym die Einschätzung anderer Experten vorgelegt wird, so dass jeder seine Meinung vergleichen und überdenken kann.

Am Anfang der Studie stand die Frage, wie Schule wohl im Jahr 2010 aussehen wird: Ersetzen Laptops dann das Schulbuch? Und werden Lehrer zu Online-Tutoren? Wissen Schüler in zehn Jahren noch, wie man einen Füllfederhalter nutzt, oder können sie nur noch Druckerpatronen einlegen? Nicht erst seit der heiß diskutierten Pisa-Studie ist das deutsche Bildungssystem in der Kritik. Doch während Pisa vor allem eine Momentaufnahme des derzeit in der Bundesrepublik unbestritten defizitären Bildungssystems und bestimmter Fä higkeiten der Schüler darstellt, versuchen die Autoren der neuen Delphi-Studie die zukünftige Entwicklung der Schule mit dem Blick auf den Einsatz der neuen Medien vorauszusagen. „In der Empfehlung könnten sich beide Studien treffen“, vermutet Klaus-Jürgen Tillmann, der als Mitautor der Pisa-Studie und Mitglied des Monitoring-Teams der Delphi-Studie beide Untersuchungen gut kennt. Der Professor der Universität Bielefeld, der auch wissenschaftlicher Leiter der dortigen Laborschule ist, vermutet, dass man in der Pisa-Studie ausgemachte Risikogruppen über die neuen Medien möglicherweise leichter erreichen könne, als mit anderen Methoden. Rechtschreibschwache und lesefaule Schüler lassen sich mit dem Computer eher locken, als mit Buch und Heft. Diese Aussage bestätigt Katrin Höhmann, Lehrerin an der Laborschule Bielfeld: „Manch ein Schüler, der mit der Hand kaum in der Lage ist, ein paar Zeilen zu schreiben, produziert mit dem Computer richtig gute Texte.“ Und selbst wenn diese Texte dann mehr oder weniger stark aus Versatzstücken der Computerrecherchen bestehen, so spricht das noch nicht gegen den Einsatz des Computers. Im Gegenteil: Die bei der Pisa-Studie beklagte fehlende Lesekompetenz lässt sich auch auf diesem Wege trainieren.

Dass der Einsatz neuer Medien im Unterricht in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird, darüber sind sich die Experten aus Wissenschaft und Praxis einig. In Zukunft werden Schüler mit einem wachsenden Medienmix konfrontiert, bei dem die klassischen Medien wie Schulbuch und Tafel ebenso zum Einsatz kommen, wie Beamer und Overhead-Projektor. Damit die neuen Medien aber auch optimal genutzt werden kö nnen, ist eine strukturelle Veränderung des Unterrichts und damit auch eine tiefgreifende Veränderung des Lehrerbildes notwendig. Denn an die Stelle des Frontalunterrichts wird immer häufiger individualisierter Unterricht treten.

Bei allem Optimismus waren die Experten mit ihrer Hoffnung auf eine Realisierung dieser Vorstellungen sehr zurückhaltend. Noch gibt es in der Ausbildung kaum Platz, die zukünftigen Lehrer auf die Arbeit mit neuen Medien vorzubereiten. Und wenn ein Lehrer dann entsprechend ausgebildet ist, dann fehlt es an der Finanzierung der Ausstattung für die Schulen. Bislang sind es noch die Lehrer an Modell- oder Privatschulen, die von solchen Zukunftsideen nicht nur träumen, sondern sie schon tatkräftig und mit Erfolg umsetzen. Dabei ist es nicht immer der teure Computer, der die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern erleichtert: „Schülern, die es vorher nie fertig gebracht haben, eine Unterschrift der Eltern zu bringen, schicke ich nachmittags eine SMS“, erzählt Katrin Höhmann, „am nächsten Tag ist die Unterschrift da."

Mehr zum Thema unter:

www.englisch.schule.de

www.paedagogik.uni-Bielefeld.de/agn/ag4/WE-LS/Deutsch/Absolv/Delphi/

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