Zeitung Heute : Lernen muss zum Leben passen

Frau Gieseke[lebenslanges Lernen gehört heut]

Wiltrud Gieseke ist seit 1992 Professorin für Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin. Vorher lehrte die 55-Jährige in Oldenburg und Bremen. In ihren Forschungen hat sie festgestellt, dass Weiterbildung eng mit der Aufarbeitung des eigenen Lebens zusammenhängt. Nur eine intensive Beratung und Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie könne deshalb zu einem Lernerfolg führen.

Frau Gieseke, lebenslanges Lernen gehört heute zum Berufsleben dazu, heißt es allerorten. Lernen ist notwendig, um seinen Arbeitsplatz zu erhalten oder überhaupt wieder einen zu bekommen. Sie erforschen, wie sich Erwachsene bilden. Ist das ein saurer Apfel, in den wir beißen müssen?

Manchmal schon. Für Männer ist oft die Karriere die Triebfeder für Weiterbildung - und das ist dann mitunter ein saurer Apfel. Frauen sind dagegen stärker an umfassenderer Bildung interessiert. Sie sehen seltener auf den Abschluss. Obwohl sie den auch brauchen und haben wollen. Aber ihr Bildungsinteresse ist breiter angelegt. Bei Männern findet man eher den Bezug auf einen unmittelbaren Nutzen oder eine konkrete Anforderung, etwa wenn sie die Bildung für einen beruflichen Aufstieg brauchen.

Frauen wollen sich also bilden und Männer wollen nur aufsteigen?

Da steckt noch mehr dahinter. Jüngste Untersuchungen zur Bildungsbiografieforschung zeigen, dass jede Umschulung und jedes Lernen etwas mit zwei Faktoren zu tun hat. Zum einen soll Bildung dem beruflichen Aufstieg dienen. Zum anderen aber versucht man damit, Krisen oder Beschädigungen im eigenen Leben zu bearbeiten. Lernen im Lebenslauf ist nicht losgelöst zu betrachten von Lebenskonzepten, die man sich über Schulabschlüsse und Berufsabschlüsse holen wollte und die einem einen gesellschaftlichen Status zuweisen sollten. Doch zwischen dem, was man einst wollte und dem, was man erreicht hat, liegt oft eine Kluft. Die will man aufarbeiten und die Möglichkeiten nachholen. Man möchte sich selbst oder seiner familiären oder sozialen Umgebung zeigen, dass man doch gekonnt hätte, was man mal abgebrochen hat.

Das ist beispielsweise das Abitur, das man an der Abendschule nachholt?

Ja, genau sowas oder nicht gemachte Uniabschlüsse oder eben zusätzliche Qualifikationen über Weiterbildungen. In der Erwachsenenbildung merken wir ganz häufig, dass es solche biografischen Verletzungen gibt. Wer in der Schule mal sitzen geblieben ist, erlebt das manchmal ein Leben lang als Trauma.

Das heißt, dass wir mit Weiterbildung auch unsere Biografie aufarbeiten?

Öffentlich wird immer diskutiert, dass wir lebenslang lernen müssen, aktiv sein, fähig sein, etwas Neues aufzunehmen, uns neue Arbeitsbereiche systematisch zu erarbeiten. Das können wir zwar, diese Fähigkeit haben wir. Aber die anderen Faktoren, die das Lernen mit beeinflussen, werden dabei nicht wahrgenommen: Nämlich die Erfahrungen, die wir mit dem Lernen gemacht haben, positiv wie negativ. Doch auch die sind im Lebenslauf, in der Biografie in sehr komplexer Form abgelagert. Sie können ein Anreiz dafür sein, dass die erfahrene Diskrepanz zwischen dem, was man will, und dem, was man erreicht hat, überwunden werden will. Menschen gestalten aktiv ihre Biografie.

Dann kann eine Weiterbildung ihren Zweck für den Teilnehmer bereits erfüllt haben, wenn damit dessen Biografie aufgearbeitet wurde. Die Arbeitsämter schlagen die Hände über dem Kopf zusammen.

Das ist zwar nicht ausschließlich der Zweck von Weiterbildung, aber auch ein Aspekt davon. Die Arbeitsämter wissen das. In der großen Umschulungswelle in den neuen Bundesländern nach der Wende zum Beispiel kann man das sehen. Die vielen Maßnahmen haben damals ein großes Stück an Auseinandersetzung mit Demokratie geleistet. Neue Fomen demokratischen Lernens, neue Formen von Aneignung der gesellschaftlichen Regularien sind durch diese Umschulungsmaßnahmen mitgeliefert worden. Viele Menschen, die wir befragt haben, sagten, sie hätten dadurch gelernt Bundesbürger zu werden.

Welche Konsequenzen sollte diese Mehrfachfunktion von Weiterbildung dann für deren Gestaltung haben?

Für die Lernprozesse in der Erwachsenenbildung ist es wichtig, dass genau diese vielfältige Nutzung oder auch Selbstblockade bei den Lernangeboten bedacht wird. Da langt es nicht, Lehrstoff, der auf Berufsbilder zugeschnitten ist, einzubringen. Man muss wissen, wie man Erwachsene erwachsenengerecht unterrichtet. Und das heißt, die Lehrenden müssen akzeptieren, dass die Lernenden über viele Kompetenzen verfügen, aber auf Grund des manchmal längeren Ausgeschlossenseins von Lernprozessen vielleicht Umwege nötig haben, dass sie auch Ängste haben. Je mehr Problemlagen man kennt, desto größer sind auch die Fördermöglichkeiten. Man kann dann eine größere Sensibilität, eine bessere Lern-Lehr-Beziehung zueinander entwickeln.

Jeder sinnvollen Weiterbildung müsste also eine intensive Lerndiagnose vorausgehen. Ist das nicht eine unrealistische Vorstellung?

Das wäre natürlich das Optimum. Die Passgenauigkeit von Bildungsmaßnahme und Teilnehmer kann nur durch eine intensive Lernberatung, Weiterbildungsberatung oder Entscheidungsberatung als Begleitung von Lernprozessen gesichert werden. Das wurde in diversen Studien festgestellt und diese Diskussion kennen wir auch schon seit Jahren. Doch die Mittel der Arbeitsverwaltung reichen dazu nicht aus. Lernwillige sind heute allein mit diesem Problem. Wir haben eben keine Weiterbildungsberatungszentren - und das wird teuer werden. Insofern wäre die Investition in Beratung viel weitsichtiger als nur auf die Vermittlungszahlen für Bildungsmaßnahmen zu achten.

Wie kann man denn als Weiterbildungswilliger am besten mit diesem Defizit umgehen?

Zunächst kann man sich einen Überblick über den Weiterbildungsmarkt beschaffen. Das setzt natürlich voraus, dass man ungefähr weiß, was man sucht ...

Vor der Suche steht also die jahrtausendealte Forderung des Orakels von Delphi: Erkenne dich selbst.

Ja, so ungefähr. Überlege, was du willst und suche dann - zum Beispiel im Internet. Da kann man heute einen ganz guten Überblick bekommen. Im betrieblichen Kontext ist das meist einfacher, da wird man über die Personalabteilungen empfohlen. Außerdem sollte man jede Möglichkeit der Beratung in Anspruch nehmen, die sich bietet. Denn die gibt es ja auch außerhalb der Arbeitsämter.

Wo bekommt man Beratung noch?

Man kann zum Beispiel dort anknüpfen, wo man bereits ein Angebot wahrgenommen hat. Arbeitnehmer können sich etwa an Gewerkschaften, Volkshochschulen oder Kirchen wenden, die Weiterbildung anbieten. Man sollte die Institutionen und Träger aufsuchen, zu denen man aus anderen Gründen eine engere Beziehung hat. Das senkt die Schwellenangst. Eine andere, sehr wichtige und vor allem häufig genutzte Möglichkeit, sind die Kontakte über Kollegen oder Freunde. Den Institutionen hilft ein aktives Nachfrageverhalten, um passgenaue Profile entwickeln zu können. Dennoch haben wir bei der Lernberatung einen immensen Nachholbedarf.

Wie beurteilen die Teilnehmer an Weiterbildungen ihre Erfahrungen?

Jede Art von Lernen wird als ein hoher Persönlichkeitsgewinn gesehen. Auch wenn es keinen Arbeitsplatz gibt, folgt daraus kein Desinteresse am Lernen. Das zeigt wieder, dass der Sinn von Bildung für das Individuum nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jeder Bildungsprozess setzt neue Fähigkeiten und Möglichkeiten frei ...

und wann ist eine Qualifizierung für den Arbeitsmarkt sinnvoll?

Man kann berufliche Qualifizierung und Bildung so nicht gegenüberstellen. Jede Form von Qualifizierung erweitert den Kompetenzradius sowohl beruflich als auch gesellschaftlich. Ich habe dadurch die Chance, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und ein Stück gesellschaftlicher Wirklichkeit zu kennen, dort auch meinen Platz zu haben und einen Beitrag zu leisten. Wenn man den Gedanken umdreht, würde das ja auch heißen, dass berufliche Fertigkeiten jede Form von Weiterbildung im Erwachsenenalter ersetzen. Aber dem ist nicht so.

Und das bestätigt sich auch in der Praxis?

Gerade die sozialen oder kommunikativen Kompetenzen sind in den Betrieben gefragt. Dort weiß man die Aneignung neuer Wissensstrukturen oder Kooperationsfähigkeit sehr zu schätzen.

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