Zeitung Heute : Lernen "worldwide"

Regina Köthe

Nach Dienstschluss setzt sich Andreas Meier noch mal zwei Stunden an den Computer, um übers Internet eine neue Lektion in seinem Marketingkurs zu beginnen. Er gehört zu einer wachsenden Gruppe von Menschen, die ihre Fort- und Weiterbildung zum größten Teil übers Internet realisieren. Mehr als 70 Millionen Menschen weltweit haben bereits 1999 in irgendeiner Form an Bildungsprogrammen übers Internet teilgenommen - und täglich weren es mehr: E-Learning ist einer der ganz großen Trends auf dem internationalen Weiterbildungsmarkt.

"Besonders für die grenzüberschreitende Vermarktung bietet E-Learning sich an", sagt Eckart Servering vom Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayrischen Wirtschaft (bfz). "Australien, Neuseeland, Großbritanien und die USA sind besonders aktiv auf diesem Markt", bestätigt die Bildungsexpertin Elaine Legault. Sie ist die Direktorin des World Education Market (WEM), der vom 21. bis 24. Mai in Lissabon stattfindet.

Elaine Legault, die kürzlich in Berlin war, kennt sich auf dem internationalen Bildungsmarkt aus, denn seit drei Jahren veranstaltet sie die WEM, auf der sich Weiterbildungseinrichtungen, Hochschulen, Ministerien für Bildung und Forschung sowie Schulbuchverlage und Mediengesellschaften präsentieren. Im vergangenen Jahr trafen sich im kanadischen Vancouver über 1700 Teilnehmer und 330 Aussteller aus 62 Ländern. Nach zwei Jahren in Kanada wird die Messe erstmals in Europa veranstaltet.

Sinn und Zweck der Messe ist der gemeinsame Austausch und vor allem der Aufbau von internationalen Geschäftsbeziehungen. Ganz konkret geht es um den An- und Verkauf von Lehr- und Lernstoffen sowie den dazugehörigen Kommunikationssystemen und Dienstleistungen. Achtung Deutschland: Die Globalisierung macht vor der Bildung nicht halt. Und die Größe des "Bildungmarktes" ist beachtlich. Weltweit werden nach Angaben der UNESCO zwei Trillionen US-Dollar für Bildung ausgegeben. Ein großer Teil wird in die berufliche Fortbildung investiert. Immer mehr Anbieter aus dem privaten Sektor drängen auf den internationalen Weiterbildungsmarkt. Auch das ist, so Legault, ein weltweiter Trend.

Im Gegensatz zu den aggressiven Verkaufsstrategien angloamerikanischer Länder wie USA, Australien und Großbritanien, verhalten sich die deutschen Weiterbildungsfirmen noch sehr zurückhaltend. Das offenbarte auch eine Studie des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zum europäischen und internationalen Weiterbildungsmarkt. "Dabei ist Deutschland so aktiv, was die Aufnahme ausländischer Studenten betrifft", stellt Elaine Legault fest, "nur die USA und Großbritanien nehmen mehr auf."

Auf der diesjährigen WEM wird der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unter dem Motto "Hi! Potential! International Careers in Germany" deutsche Universitäten vorstellen. "Qualifizierungsanbieter befinden sich in einem grenzüberschreitenden Wettbewerb. Deutsche Dienstleister müssen sich diesem Wettbewerb stellen und ihre Angebote stärker internationalisieren", sagt Sabine Gummersbach-Majoroh vom DAAD. Jüngst fand in München ein Fachtagung unter dem Motto "weiterbildung worldwide" statt. Schwerpunkt war die Vorstellung geeigneten Marketingstrategien für deutsche Anbieter auf dem globalen Markt.

Die neuen Kommunikationstechnologien ermöglichen andere Lernformen, die ein individuell angepasstes und vor allem ortsunabhängiges Lernen ermöglichen. "Staatliche Bildungseinrichtungen sehen in privaten Anbietern oft eine Konkurrenz und die Gefahr, dass Bildung zu stark kommerzialisiert wird", berichtet Elaine Legault. "Doch ich meine, dass private und öffentliche Einrichtungen voneinander profitieren können."

Und so sind auf der WEM auch private Weiterbildungseinrichtungen, Verlage aus dem Multimediabereich und Telekommunikationsfirmen zu finden. "Die Globalisierung der Wirtschaft erfordert Mobilität und eine Standardisierung von Bildung", sagt Elaine Legault und erläutert: "Einheitliche Curricula zu entwickeln, die international anerkannt sind, wird zu einer großen Herausforderung. Solche Produkte entstehen in internationalen Kooperationen und Standards, die gemeinsam entwickelt werden."

Auf der WEM in Lissabon wird es viele Gelegenheiten geben, neue Kontakte zu knüpfen. Die internationale Weiterbildungsbranche boomt jedenfalls. Deutsche Anbieter dürfen nur nicht den Anschluss verpassen.

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