Zeitung Heute : Lernen zum Schnäppchen-Preis

Weiterbildungsinstitute kämpfen mit Rabatt-Aktionen und Last-Minute-Angeboten ums Überleben

Regina-C. Henkel

„Buchen Sie jetzt unser ,Summer-Special’: Auf drei Seminare im August erhalten Sie bis zu 33 Prozent Rabatt!“. Wer sich über diese marktschreierische Werbung der Münchner Macromedia-Akademie für Neue Medien wundert, kennt die Ausverkaufs-Offerten des Berliner Weiterbildungsmarkts nicht: Frühbucher-Rabatte, Skonto bei Barzahlung und Sonderkonditionen für jeden, der Kollegen, Partner oder Bekannte mit einer „Freundschaftswerbung“ für das Weiterbildungsinstitut gewinnt, sind an der Spree gang und gäbe. Sozialhilfempfänger, Arbeitslose und Studenten erhalten, so sie Selbstzahler sind, sowieso fast überall Rabatte.

Der Berliner Bildungsträger Forum Berufsbildung ist da keine Ausnahme. Doch weil er sich selbst zu den professionellen Anbietern auf dem heiß umkämpften Weiterbildungsmarkt zählt, hat er vor Veröffentlichung seines eigenen Rabatt-Kataloges eine Benchmark-Studie erstellt. Die zusammengetragenen Daten über die derzeit in Berlin praktizierten Vermarktungsmodelle ergaben, dass jeder dritte Weiterbildungsanbieter mehr oder weniger große Zugeständnisse beim Preis macht.

Kein Wunder. Weiterbildung ist nicht nur eine Herausforderung an jeden Berufstätigen und alle, die es (wieder) werden wollen, sondern auch ein riesiges Geschäft – in der Flaute. Deutschlandweit buhlen nach Angaben von Knut Diekmann, Weiterbildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fast 30 000 Bildungsanbieter um die Gunst der Kunden – und deren gutes Geld. Das floss in der Vergangenheit reichlich. Ziemlich konstant etwa 17 Milliarden Euro jährlich ließ sich die private Wirtschaft in den zurückliegenden zehn Jahren die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter kosten.

Und etwa sieben Milliarden Euro wurden in der Vergangenheit per anno von der Bundesagentur für Arbeit für Weiterbildungskurse ausgegeben. Hinzu kamen noch knapp 14 Milliarden Euro, die die Deutschen aus eigener Tasche zahlen, um ihr berufliches Wissen und Können auf dem aktuellen Stand zu halten. Der größte Batzen der privaten Ausgaben entfällt auf Seminargebühren (siehe Infokasten). Und die sind bisweilen happig. Ein simpler Rhetorik-Kurs, gebucht etwa über die Weiterbildungsdatenbank (http://berlin.wdb.de) kann leicht 950 Euro kosten. Warum also sollte man da nicht auf Sparangebote setzen? Was spricht gegen „Geiz ist geil“ auch bei der Weiterbildung?

„Nichts, solange es nicht auf Kosten der Qualität geht“, sagt Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Für die Inhaber von Bildungsgutscheinen habe die Behörde allerdings schon immer „eigene Konditionen“ ausgehandelt – zu den marktwirtschaftlichen Bedingungen eines Großabnehmers. So sieht Möller als Zielgruppe der Rabatt-Aktionen eher individuell engagierte Bildungswillige.

Nicht anders DIHK-Experte Knut Diekmann. Die Qualität in Gefahr sieht auch er nicht, aber der vor rund eineinhalb Jahren mit Einführung des Bildungsgutscheins entfachte und jetzt bundesweit tobende Preiskampf läutet für ihn eine Marktbereinigung ein: „Wir gehen derzeit von rund einer Million Weiterbildungsangeboten jährlich und etwa 80 000 fest angestellten Dozenten aus.“ Gerade kleinere Anbieter könnten bei Preisnachlässen bis zu 50 Prozent nicht mehr wirtschaftlich arbeiten, denn die Fixkosten für Seminarräume und Ausstattung blieben ja gleich.

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