Zeitung Heute : Lesen und lesen lassen

Heute abend beginnt im Ludwig Erhard Haus die Antiquariatsmesse Liber Berlin – nicht nur für Büchernarren

Steffen Richter

Vor gut zwanzig Jahren erschien ein italienischer Roman, der mit den berühmten Worten einsetzt: „Natürlich, eine alte Handschrift“. Da war angeblich einer an die obskure Version eines im 17. Jahrhundert gedruckten Textes geraten, den ein deutscher Mönch im 14. Jahrhundert handschriftlich verfasst hatte. Nun, der Autor war bald darauf internationaler Auflagen-Millionär. Alte Handschriften stehen eben noch immer hoch im Kurs. Die Adepten seltener Bücher, wertvoller Autographen und Graphiken haben sogar ihre eigenen Tummelplätze.

Für die Liber Berlin, die vom 1. bis 3. November bereits zum dritten Mal im Ludwig Erhard Haus in der Fasanenstraße stattfindet, ist die Bezeichnung „Antiquariatsmesse“ schon fast despektierlich. Aus neun Ländern reisen 116 Antiquare an, um auf 3000 Quadratmetern ihre Kostbarkeiten zur Schau zu stellen und natürlich feilzubieten. Mit dieser „Internationalen Verkaufsausstellung“ hat sich Berlin auf dem europäischen Kunstbuchmarkt vor allem neben London und Paris sowie neben der Verbandsmesse in Stuttgart nachhaltig etabliert. Mehr als 7000 Besucher zählte die Messe im letzten Jahr. In diesen Tagen dürften es noch etwas mehr werden. Denn auch wenn die Lesekultur, wie Apokalyptiker regelmäßig verkünden, den Bach hinunter geht – es bleibt der Trost, dass ihre materiellen Sedimente umso eifriger gesammelt werden.

Spaß vermitteln

„Es gibt da ein anhaltendes Missverständnis“, meint Knut Ahnert, der gemeinsam mit Wolfgang Mecklenburg und drei anderen Berliner Antiquaren die Messe organisiert: „Bücher sind eben nicht nur zum Lesen da.“ Mecklenburg pflichtet seinem Kollegen bei. „Wir wollen den Spaß vermitteln, den es machen kann, sich mit Handschriften, historischen Karten oder alten Büchern zu beschäftigen.“

Wenn man den Katalog durchblättert, was übrigens auch im Internet möglich ist ( www.liberberlin.de ), wird man von der Fülle der bibliophilen Schätze nahezu erschlagen. Kaum zu glauben, dass es sich nur um ein „Schaufenster“ mit den spektakulärsten Stücken handelt, an dem man sich schon einmal die Nase platt drücken kann. In den Ausstellungsräumen wird noch sehr viel mehr zu sehen sein. Systematisch könnte man das Angebot etwa nach Bibel-Editionen aus dem 16. Jahrhundert, Reiseberichten aus dem 17. Jahrhundert oder Erstausgaben moderner Literatur sortieren. Ebenso nach Musikalien, Atlanten und Karten, handschriftlichen Briefen oder historischen Fotografien. Doch das Besondere einer Messe, das sie der aseptischen Präsentation im Netz so überlegen macht, besteht ja gerade darin, das gute alte Stöbern wieder aufleben zu lassen. Fast hat es etwas Subversives, wie da das effizienzorientierte Einkaufen in den Regalen der Supermarktwelt unterwandert wird.

Der ideale Besucher also wäre einer, der sich gleich einem Flaneur mit zerstreuter Aufmerksamkeit treiben und ablenken lässt. Er könnte nicht nur die Filetstücke goutieren, die wie erratische Blöcke in der Messelandschaft liegen, sondern auch die Kuriositäten am Rande. Denn natürlich wird das Konvolut der 104 Briefe ein Renner sein, das die Geschichte der Ausgrabungen von Pergamon und die Wiedererrichtung der Bauten in Berlin zwischen 1880 und 1912 spiegelt (Eberhard Köstler, Tutzing). Auch von der Plakatsammlung zur Pariser Commune (Bernhard Blanke, Berlin) oder den Briefen des Schriftstellers Frank Thiess über die NS- und Nachkriegszeit (Hugo Wetscherek, Wien) wird ausführlich gesprochen werden. Doch jenseits der historischen Haupt- und Staatsaktionen lauern Raritäten wie die erste Ausgabe des Rübezahlbuches von Johannes Praetorius aus dem Jahr 1662 (Winfried Geisenheyner, Münster). Darin wird ein „ausführlicher Bericht“ gegeben von dem „wunderbarlichen sehr Alten, und weit beschrienen Gespenste Dem Rübezahl“.

„Es ist Begierde“

Wer aber soll das alles kaufen? Natürlich, so Wolfgang Mecklenburg, bildet die öffentliche Hand mit ihren Museen, Archiven und Bibliotheken den einen wichtigen Pfeiler der Kundschaft. Der andere sind private Sammler. Doch was treibt jemanden dazu, sich Georg Trakls persönliches Exemplar der Erstausgabe seiner „Gedichte“ von 1913 aus dem Kurt Wolff Verlag (Lame Duck, Boston) ins Regal zu stellen? „Es ist Begierde“, sagt Knut Ahnert, „Lust.“ Schon Balzac hatte im „Vetter Pons“ die Sammler als „die leidenschaftlichsten Menschen, die es auf der Welt gibt“ beschrieben.

Wolfgang Mecklenburg präzisiert: „Die Begeisterung rührt einfach von der Authentizität eines Gegenstandes, dem die Spuren des Vergangenen ganz konkret anhaften.“ Ganz nebenbei entziehen Sammler, diese „Jäger in den Jagdgründen des Inventars“, wie Walter Benjamin sie nannte, die Objekte ihrer Begierde dem ökonomischen Kreislauf. Sammeln, wenn es nicht als profane Wertanlage verstanden wird, zählt sozusagen zu den letzten antikapitalistischen Rebellionen. Zudem hat es etwas Orgiastisches, das über die Befriedigung so genannter Primärbedürfnisse weit hinausgeht. Denn für manchen mag es geradezu den Ruch des Unsittlichen haben, etwa für die Erstausgabe der „Allemannischen Gedichte“ Johann Peter Hebels von 1803 schlappe 6800 Euro hinzublättern (Tusculum, London).

Am einfachsten kommt man immer noch an wertvolle Bücher, indem man sie erbt. Will man kaufen, bestimmt ein gnadenloses Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis. Denn nicht immer ist ein Buch umso wertvoller, je älter es ist. Seit den letzten zehn Jahren gibt es einen „starken Hang zu Unikaten, zu seltenen und qualitativ hochwertigen Objekten.“ Im Bereich der deutschen Bücher etwa geht am besten, was auch eine internationale Reputation besitzt. Das trifft etwa für Wilhelm Buschs berühmte „Bubengeschichte in sieben Streichen“ zu. Für die sehr seltene erste Ausgabe von „Max und Moritz“ (1865) mit Buschs eigenen Illustrationen sind schon 50 000 Euro fällig (Alain F. Moirandat, Basel).

Dass so manches Exponat auch illegale Begehrlichkeiten weckt, ist unvermeidbar. Doch das Problem datiert nicht von heute. „Wer Bücher stiehlt“, so steht angeblich in einer Inschrift des Klosters San Pedro zu Barcelona, „in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Der Schlagfluß soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht.“ Dies ins Stammbuch der unverbesserlichen bibliomanen Gauner.

Sammlerwahn

Zwar muss nicht jedes alte Buch teuer sein, doch umgekehrt ist auch nicht jedes neue Exemplar nichts wert. In London etwa wurde bereits die Erstausgabe des ersten „Harry Potter“- Bandes mit einer Signatur von J.K. Rowling für 20 000 Pfund angeboten. Manchmal treibt der Sammlerwahn seltsame Blüten. Die Frage ist, so Knut Ahnert, wie hoch „der Grad der Verrücktheit oder Besessenheit“ ist. In Deutschland wird der Ball diesbezüglich eher flach gehalten. Insgesamt bewegen sich die Preise auf der Messe im zwei- bis sechsstelligen Bereich. Selbst für 30 Euro kann man schon etwas erstehen. Im Übrigen sei es mit den Büchern eben wie mit Autos, Restaurants oder Kleidung – jeder sucht sich heraus, was seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten am besten entspricht. „Und wenn ich ein Taschenbuch für 10 Euro möchte“, meint Wolfgang Mecklenburg, „dann gehe ich eben zu Kiepert . . . “ Sagt’s und fährt sich selbst über den Mund.

Ob die Antiquariate nicht auch von der allgemeinen Krise der Buchbranche betroffen seien? Ins Lamento der Verleger und Buchverkäufer wollen die Gebrauchtwarenhändler der besonderen Art nicht einstimmen. Die Lage werde schlechter geredet als sie ist. Das sei es, was die Stimmung drückt.

Zur Hebung derselben sollte nicht zuletzt die Messe beitragen. Immer wieder betonen Ahnert und Mecklenburg, dass es „nicht ums reine Geschäft geht“. Wichtiger wird es sein, den persönlichen Kontakt zu Kunden und Kollegen herzustellen oder aufzufrischen, deren Bedürfnisse zu kennen – und zu erfahren, wohin sich ihre Interessen entwickeln. Schön wäre es, könnten dabei „Leute, die sich nicht unbedingt in diesem Milieu bewegen, aber grundsätzlich an Kulturgut interessiert sind“, als neue Mitstreiter gewonnen werden.

Schließlich war es genau dieses Interesse an der kulturellen Überlieferung, das Petrarca zum Prototyp des neuzeitlichen Sammlers gemacht hat. Immer wieder klagte er über ein „unstillbares Verlangen, welches ich bisher nicht zu beherrschen vermag.“ Bei der Liber Berlin jedenfalls wäre er auf seine Kosten gekommen. Und auch Umberto Eco, jener eingangs zitierte Experte in Sachen alte Handschriften, hätte hier seine helle Freude.

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