Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Auf dem Himalaya der Flüsse

Franz Lerchenmüller

Der Fluss Tsangpo führt mehr Wasser als je zuvor, als im Oktober 1998 vier amerikanische Wildwasserfahrer dort ankommen. Sie planen, was noch kein Mensch geschafft hat: Den "Himalaya der Flüsse", der durch die tiefste Schlucht der Erde strömt, mit Kajaks abzufahren.

Die vier sind kundige Wildwasserexperten und haben ihre Expedition sorgfältig vorbereitet. Doch schon die erste Orientierungsfahrt jagt ihnen Respekt ein: Tosende Wassermassen, ein gewaltiger Sog und tiefe Löcher - dieser Fluss ist ein Mahlstrom. Die Expedition abzubrechen, kommt trotzdem nicht in Frage. Schließlich hat die National Geographic Society sie mit 60 000 Dollar gesponsert. Mehrere andere Teams sind zudem auf dem Sprung zum Tsangpo.

Es wird eine Quälerei. Die geplante Kajaktour entwickelt sich zu einem "langen Fußmarsch mit gelegentlichen Bootsfahrten". Statt Paddeln ist Schleppen angesagt: Immer wieder müssen die vollbeladenen Kajaks steile Grate hochgezogen werden. Jeder Einsatz auf dem Wasser ist lebensgefährlich - und tatsächlich wird am 16. Oktober einer von ihnen in die Tiefe gerissen. Doug Gordon, Vater von zwei Kindern, taucht nicht wieder auf. Die Expedition ist zu Ende.

Outdoor-Journalist Todd Balf kennt sich aus zwischen Stromschnellen und Kehrwasser. Er hat die Geschichte eines Scheiterns sorgfältig recherchiert, erzählt sie leider etwas bieder herunter, drückt sich aber auch nicht um die entscheidende Frage: Wer ist hier eigentlich verrückt? Die Abenteurer, die solche Risiken eingehen? Oder die Sponsoren, die die Wettläufe anheizen, nur um das eigene Image aufzupolieren?

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