Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Bukarest - zwischen Orient und Okzident

Hanne Bergius

In den letzten Jahren scheint Südost-Europa immer ferner zu rücken. Wenn überhaupt Reiseführer für diese Region publiziert werden, erscheinen sie oft im Selbstverlag. Die Ära des Kommunismus, nun die des Post-Kommunismus, haben das kulturelle Interesse gänzlich einfrieren lassen, wenngleich der wirtschaftliche Einfluss Westeuropas mehr und mehr an Boden gewinnt und die Supermärkte sich mit Westwaren füllen. Das gilt auch für Bukarest. Rolf Peter Reimers kulturgeschichtlicher Führer öffnet den Blick auf eine Stadt, die in historisches Staunen versetzt und neugierig macht. Er vermag hinter der Fassade des kommunistischen Größenwahns eine Kulturgeschichte der Metropole Rumäniens aufzudecken, die ihre europäische Verwurzelung veranschaulicht.

In acht kulturgeschichtlichen Erkundungsgängen wird erlebte Geschichte als Teil von Vergangenem, aber auch als wieder zu gewinnende Identität wahrgenommen. Dass Bukarest ein weltoffener, multikultureller Ort war, zeigt der Autor uns beim Spaziergang durch das im 15. Jahrhundert entstandene Händlerviertel Lipscani, in dem noch eine alte Karawanserei steht. Hier, im Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident, erahnen wir etwas von der kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung Bukarests. Auch die Monumentalarchitekturen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die großen Paläste der Banken, die Villen der Reichen, die Gründung des Nationaltheaters und der Universität, die neuen Grand-Hotels und die Bahnhöfe zeugen von urbaner Lebendigkeit.

Diese Monumente verkörpern eine Politik, die vom Streben nach einem Nationalstaat kündet, in dessen neuer Hauptstadt Bukarest (1862) der deutsche König Karl (von Hohenzollern-Sigmaringen) unter der Protektion Napoleons III. ein "Klein Paris" entstehen ließ. In den Dreißigern des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde das neue Groß-Rumänien durch sachliche Stadt-Architekturen der Kino- und Hotel-Paläste im Art Déco-Stil geprägt, auf breiten Boulevards konnte sich internationales Flair entfalten. Selbst die Lieblingsorte des Flaneurs, die Eisen-Glas-Passagen, sind hier noch zu entdecken.

Der Autor verfolgt die Entwicklung der Stadt von ihren Anfängen als Handelsplatz im späten Mittelalter, ihre christlich-orthodoxen Bindungen, die nationale Identitätsfindung im 19. Jahrhundert, die Selbstüberhöhung der Ära Ceausescu und die postkommunistischen Verfallsstadien. Die dichten Informationen und prägnanten Erkundungen zu Gegenwart und Geschichte werden durch kleine Prosastücke von erlebtem Alltag aufgelockert. Die Physiognomie der Stadt wird nachgezeichnet: bäurisch und elegant, verarmt und protzig, abgestumpft und sinnlich, korrupt und aufrecht. Man wird neugierig auf diese Stadt.

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