Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Krokodile und Kuriositäten

Paul Stänner

Bill Bryson beschreibt sich als einen dicklichen, faulen, schreckhaften Reisenden, der gern mal einen über den Durst trinkt: ein ganz normaler Tourist also. Allerdings ist er deutlich neugieriger und besser informiert als der gewöhnliche Reisende. Das tut in Australien doppelt not: Eine Heerschar angriffslustiger, gern auch giftiger Tiere wie Schlangen, Spinnen, Krokodile, Haie, Quallen und dergleichen warten auf den Besucher - was sich bewegt, erscheint potenziell todbringend. Geschickte Übertreibungen sind Teil von Brysons Humor.

Der Autor schaut sich gründlich im Land um und findet dabei Kuriositäten wie ein Lokal, das in Gestalt eines gigantischen Hummers gebaut ist. Dazu erfährt man Interessantes aus der Geschichte: Wer kennt schon australische Flugpioniere, oder die traurig-heroischen Geschichten von Outback-Wüstenforschern, die mit einer Ausrüstung aus Naivität und Dummheit ins Abenteuer zogen und verdursteten? Oder die Geschichte von dem egozentrischen britischen Gouverneur Macquarie, der es liebte, noch das kleinste Sumpfloch mit seinem Namen zu belegen, so dass die Ortsangabe Macquarie-Irgendwas wie mit lockerer Hand gestreut über Australien verteilt ist?

Kann man sich vorstellen, dass das derzeitige Standardwerk über australische Geschichte im Jahre 1935 endet? Asiaten scheint es lange Zeit nicht gegeben zu haben, Aborigines immer noch nicht. Bryson schildert, wie er in einem Lokal sitzt und beobachtet, dass die wenigen Ureinwohner auf der Straße von den Weißen nicht wahrgenommen werden. Es ist, als existierten sie nicht. Australier funktionieren anders: Es gibt ein umwerfend komisches Kapitel über Cricket, den wahrscheinlich langweiligsten Sport der Welt. Nur Engländer, Australier und die Bewohner in den ehemaligen Kolonien verstehen dieses Spiel, bei dem auf hohem Niveau wenig passiert. Bryson widmet diesem Nicht-Ereignis einige wunderbare Seiten, in denen man die schrulligen Australier, die die Fähigkeit haben, sich für dieses Spiel leidenschaftlich zu begeistern, lieben lernt.

Am besten ist Bryson, wenn er mit einem Reisebegleiter unterwegs ist, weil sich ihm dann die Chance zu witzigen, schnellen Dialogen bietet. Fazit: Das gelungen erzählte Reisebuch wird jene interessieren, die noch nie in Australien waren. Wer "down under" kennt, dürfte sich beim Lesen köstlich amüsieren.

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