Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Neues Leben in Spanien

Sylvia Richter

Derek Lambert hat einen Traum: Der englische Schriftsteller will das urwüchsige Spanien kennenlernen. Als sein klappriger Jaguar in dem kleinen Ort La Jara zusammenbricht, glaubt er, bereits am Ziel angelangt zu sein: "Wir fanden das schlichte Dorf, nach dem wir gesucht hatten, hinter den Wohnblocks, Hotels und Stränden der Costa Blanca, der weißen Küste." Lambert ist genauso begeistert wie seine Ehefrau Diane und der vierjährige Sohn Jonathan: keine Sehenswürdigkeiten, kein Kastagnettengeklapper, nirgends ein Krug Sangria.

Doch die Leute im Dorf scheinen etwas merkwürdig zu sein. Der vielgereiste Journalist und Auslandskorrespondent muss bald feststellen, dass sich nicht nur die sengende spanische Hitze ungünstig auf seine Arbeit an einem Roman über Sibirien auswirkt. Auch die undurchschaubare und recht unverfroren auftretende einheimische Bevölkerung bereitet ihm große Schwierigkeiten. Die bauernschlauen Dorfbewohner machen den Traum des Engländers vom einfachen, unkomplizierten Leben mit zahlreichen subtilen Sabotageakten immer wieder zunichte.

Mit einer gehörigen Portion Witz und Selbstironie erzählt der Autor in Ich-Form von seinem ersten Jahr in dieser eingeschworenen Gemeinde. Seine grotesken, mit trockenem Humor geschriebenen Geschichten treiben dem Leser zuweilen vor Lachen die Tränen in die Augen. Alles nur blühende Fantasie? Was dem Romanhelden widerfährt, hat wohl jeder gutgläubige Tourist im Ausland auch schon mal erlebt: Er wird nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt.

Aber der "Extranjero" (Fremde) lässt sich nicht lumpen und zahlt es den skurrilen Einheimischen mit gleicher Münze heim: Als die beiden Klempner der Wasserwerke auch nach exzessiven Umgrabungen des Grundstücks nicht das Leck im Wasserrohr finden, macht sich der Hausherr erfolgreich selbst auf die Suche danach. Die Zeche für diese Umgrabungsaktion müssen am Ende die Wasserwerke zahlen. Den missmutigen Restaurantbesitzer, der ihnen das Grillen der Steaks selbst überlässt, besuchen sie unbeirrt wieder. Und zusammen mit dem Klempner, der sich weigert, seinen Wasserhahn zu reparieren, nimmt Lambert sogar am lebensgefährlichen "Stierlaufen" teil. Die riskante Aktion wird belohnt. Sie beschert ihm nicht nur einen reparierten Wasserhahn, sondern auch den wachsenden Respekt der Dorfbewohner.

Dass er am Ende von den Einheimischen akzeptiert wird, verdankt der Engländer nicht zuletzt seinem entwaffnenden Humor und einer positiven Lebenseinstellung. Zorn und Verbitterung sind ihm fremd. Umrahmt von einer authentischen Atmosphäre gelingt dem Autor eine atemraubend komische Erzählung mit lebendig wirkenden, sympathischen Figuren, die man nicht nur bei einer spanischen Sangria am Swimmingpool, sondern auch im verschneiten Sibirien genießen kann.

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