Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Prachtkerl ohne Kopf: Klaus Störtebeker und Konsorten

Franz Lerchenmüller

Rügen spielt sein Leben nach, im "Hamburg Dungeon" wird er seit einiger Zeit nahezu jede Stunde geköpft, Verden rekrutiert ihn für sich, und Brokmerland hält im nächsten Jahr wieder "historisch korrekte" Festspiele ab - kein Zweifel: Der Mann hat sich, ohne es zu wollen, um den Fremdenverkehr in ganz Norddeutschland verdient gemacht.

Und war ja auch ein toller Hecht: Segelte wie der Teufel, kämpfte wie ein Berserker gegen die mächtige Hanse, war gesegnet mit einem güldenen Herzen für die Armen und einem prächtigen Durst, so dass sie ihn gar nach seinem Hobby benannten - "Stürz-den-Becher", Störtebeker -, und als ihn am Ende auf dem Grasbrook zu Hamburg das Schicksal ereilte, wankte der Prachtkerl sogar noch ohne Kopf an einem Dutzend seiner Getreuen vorbei und rettete sie vor dem Schwert des Henkers.

Soweit die mittelalterliche und spätere PR in Sachen Klaus Störtebeker. Die Wirklichkeit ist: Man weiß fast nichts über den Mann. Mehr dagegen über seine "Zunft", die Ende des 14. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebte.

Herzog Johann von Mecklenburg war es, der 1390 die Schiffseigner im Land aufforderte, mit seinem Segen dänische Kauffahrer zu überfallen, um seinen Kampf gegen Königin Margarete zu unterstützen. Und dabei sollte er Geister rufen, die das Land so schnell nicht wieder los wurde.

Dieter Zimmerling hält sich streng an historische Quellen. Er beschreibt detailliert die politischen Winkelzüge jener Zeit und räumt mit allerlei Romantisierungen auf: Kriminelle waren sie in seinen Augen, Söldner, keine Idealisten, die "Vitalienbrüder" - die im übrigen nicht so hießen, weil sie Lebensmittel, "Viktualien", in das besetzte Stockholm brachten. Sondern nach den "Vitaillern", jenen verhassten Soldaten, die in den Dörfern Vieh und Getreide für die Armeen requirierten.

Der Mann bleibt ein Rätsel

Der Leser erfährt einiges über die Seefahrt in jenen Tagen, über den Ablauf von Gefechten oder das Tagungswesen der Hanse. Es gelingt Zimmerling, ein Schlaglicht auf die Epoche zu werfen - auch wenn er den Alltag an Land oder das "Innenleben" der Brüderschaft weitgehend außen vor lässt. Der Mann Störtebeker aber bleibt - notgedrungen - auch den Lesern dieses Buches weiterhin ein Rätsel.

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