Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Sightseeing mit Schriftstellern

Hella Kaiser

Der typische Tourist erobert einen fremden Ort mit Reiseführer und Kamera. Er blickt nicht hinter die Kulissen, erfühlt keine Stimmungen, hastet nur von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Es sei denn, ein Einheimischer nimmt ihn an die Hand und zeigt ihm "seine Stadt", erklärt, warum sie für ihn unverwechselbar und liebenswert ist. Solche ganz persönlichen Führungen kann man nun als Leser erleben. Ein Buch versammelt Texte, in denen Schriftsteller ihre (Wahl-)Heimatorte beschreiben.

Da schreibt Urs Widmer vom legendären Künstlercafé Odeon und all den anderen Bars in Zürich, die er im Laufe der Jahre "studiert" hat. Und er schwärmt: "So viele Bäume! So viele Blumen! Der See!" und freut sich immer wieder aufs Neue, dass er vom Stadtzentrum "bis zur ersten Kuh im Grünen nur gute zehn Minuten" braucht.

Georges Arthur Goldschmidt, der 1928 in Hamburg geboren wurde, ist nach dem Krieg zum Wahl-Pariser geworden. Er schwärmt von seinem Wohnviertel "Saint-Fargeau", oberhalb von Belleville, und rühmt die "Weltsicht", die man von dort hat. "Zu allen Seiten hin breitet sich die riesige Stadt aus, in immer neuen Variationen des Graus, des hellen Blaus und des Violetts ..." Auf den 34 Brücken der Stadt zelebriert er seine "Blickabenteuer". Er, der als in Deutschland verfolgter Jude einst in Frankreich Unterschlupf fand, erinnert sich an die Solidarität der Franzosen, "ihren Geist der Frechheit, des Widerstands und der Freiheit". Und all das lauere noch immer irgendwo in Paris.

Der Italiener Luigi Malerba hadert bisweilen mit Rom, das zur "Hotelstadt" verkommen sei und in dem die Römer ihren "farbigen und zügellosen Dialekt" aufgegeben haben. Er wundert sich über amerikanische Touristen, die Caravaggios Gemälde mit der Sonnenbrille auf der Nase betrachten und über Japaner, die so gern den Justizpalast fotografieren, den er "an einem griesgrämigen Tag am liebsten in einen Steinbruch verwandeln" würde. An Sommertagen muss er sich den Weg über die Piazza Navona mit Ellenbogen freikämpfen und traurig bemerkt er, wie Pizzerias, Imbissbuden und Pubs die alten Läden und Werkstätten im Herzen der Stadt verdrängen. So flieht er aus diesem gehassten, geliebten Moloch - und kehrt doch immer wieder zurück.

Mit dem Wort "Hassliebe" beschreibt auch Péter Esterházy "sein" Budapest, das unter anderem "genießerisch, machtgierig, lässig, schwermütig, geistreich und schuftig" sein könne. All die unterschiedlichen Stimmungen möchte er einen Fremden fühlen lassen, ihn dorthin schubsen, wo Budapest (noch) nicht glänzt. Gern würde man mit Andrej Kurkow durch Kiew streifen, über den Flohmarkt am Sjennij-Markt, über den Andrejew-Boulevard mit den vielen Künstlergalerien und hier und da in einen malerischen Hinterhof lugen. Oder mit Raúl Rivero durch Havanna streifen, in den Bars, den "Heiligtümern" dieser Stadt, die Geheimnisse des Lebens ergründen, in vergammelten Kinos sitzen und nachts am Malecón aufs Meer schauen.

Das Buch ist ein wunderbares, überraschendes Sammelsurium, das bitteren Realismus ebenso parat hat wie feine Poesie. Die Ortsbeschreibungen verlocken dazu, sich lustvoll durch unbekannte Gefilde treiben zu lassen. Und ermutigen, sich mal ohne Reiseführer aufzumachen.

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