Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Spaziergänge durch Wien und Athen

Stefan Eggert Stefan Berkholz

In der bewährten Reihe des Klett-Cotta-Verlages mit literarischen Spaziergängen durfte Wien nicht fehlen. Mit welchen Pfunden lässt sich da wuchern, denn von A wie Peter Altenberg bis Z wie Stefan Zweig reicht die Palette der namhaften Schriftsteller, die Wien, ihre Cafés, den Graben, die Hofburg, den Prater und die Donau literarisch hochkarätig gewürdigt haben. Der Autor der Spaziergänge durch Wien, Richard Miklin, führt den Leser auf elf sorgfältig ausgearbeiteten Routen vom Zentrum am Stephansdom bis in die Außenbezirke nach Grinzing und Schloss Schönbrunn.

Richard Miklin beschränkt sich auf seine Vermittlerrolle, auf die Genauigkeit der Datierungen und der Beschreibungen und tut damit dem Leser einen großen Gefallen, der sich ganz auf Wien aus der Perspektive so unterschiedlicher Sichtweisen wie denen von Elfriede Jelinek oder Arthur Schnitzler einlassen kann.

Der renommierte Geschichtsprofessor Felix Czeike vernachlässigt die Literaten der Stadt ein wenig in seinem Kunstreiseführer und hält sich an die verlegerischen Vorgaben, einen exakten Stadtführer über Kunst, Kultur und Geschichte der Donaumetropole auszubreiten. Felix Czeike hält sich vor allem an das Schöne, Wahre und vermeintlich Gute der (Kunst-)Geschichte Wiens, so wollen es die meisten Besucher ja auch sehen und erleben. Vor lauter Sachlichkeit und genauen Beschreibungen von Kunst und Geschichte könnte der Leser etwas ermüden bei so unerschütterlicher Gelehrsamkeit. Man tröstet sich mit den schönen Farbfotos und den vielen Karten.

Richard Miklin: Wien - Literarische Spaziergänge durch Vergangenheit und Gegenwart. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, 224 Seiten, 36 Mark

Felix Czeike: Wien - Kunst, Kultur und Geschichte der Donaumetropole. DuMont-Kunstreiseführer, Köln 1999, 374 Seiten, 46 Mark



Nein, am Retsina, dem geharzten griechischen Wein, habe er leider gar keinen Geschmack finden können, bedauerte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen, im übrigen ein guter Trinker vor dem Herrn. Geschämt habe er sich für seine Zunge, denn er wisse ja, nur der Retsina-Liebhaber zeichne sich als wahrer Griechenland-Kenner aus. Aber, pardon, ihm sei der Wein wie Möbelpolitur vorgekommen und nach dem zweiten, dritten Kupferkännchen "fühlte ich mich bald wie eine frisch gehobelte Kommode". Was seiner Liebe zum Mutterland der Antike keinen Abbruch tat.

Mit der Sehnsucht im Bauch verfasste Koeppen seinen Text, mit der Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, als Gastfreundschaft noch nicht Habgier bedeutete und neugierige, fröhliche Augen den Fremden begrüßten und nicht abschätzige, gehetzte Blicke. Zu Fuß und mit dem Linienbus (bis nach Sparta und Delphi) machte sich der Schriftsteller auf seine Entdeckungsreise. Er schlenderte durch die Gassen der Altstadt von Athen und zur Akropolis hinauf, zu diesem "Felsen, der alles erklärt", weiter zum archäologischen Nationalmuseum und zum Parlamentsgebäude, betrachtete den Triumphbogen des Kaisers Hadrian, folgte den Spuren der Götter. "Griechenland, Sagenland", jubelte er, "die Heimat der Götter, die Wiege des Denkens, der Hybris und der Tragödie, der Garten des Mythos".

Koeppen lässt Stimmen und Stimmungen lebendig werden, beschreibt die Fleisch- und Fischmärkte und die Männerwelt der Cafés, blickt mit den Augen eines neugierigen Kindes und erklärt mit dem Verstand eines alten Mannes. Geschichtsunterricht wie nebenbei, assoziativ und klar. Prosa eben, Lektüre für Minuten.

Wolfgang Koeppen: Die Erben von Salamis oder Die ernsten Griechen. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2000 (it 2401). 80 Seiten. 16,90 Mark

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