Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Tagträume in Lissabon

Stefan Berkholz

Stadtführer mit den üblichen Sehenswürdigkeiten findet man zuhauf. Aber ein Buch, in dem die Seele einer Stadt und ihres Landstrichs festgehalten ist, das Treiben darin, die Menschen, die Genüsse, die Launen? Danach muss man schon länger suchen. Antonio Tabucchis "Lissabonner Requiem" ist eigentlich ein Buch der Begegnungen und Gespräche. Und wer den italienischen Schriftsteller kennt, weiß, dass er zwischen den Zeiten wandelt, die Gegenwart zum Märchen halluziniert.

An einem brütend heißen Julisonntag lässt sich der Erzähler durch Lissabon treiben, die Stadt ist anscheinend menschenleer, die meisten sind am Strand oder haben sich in die schattigen Höfe ihrer Häuser zurückgezogen. Der Erzähler irrt durch die Gassen und begegnet den wunderlichsten Menschen. Nichts leichter als mit einem Fremden ins Gespräch kommen, will er uns sagen, nichts leichter, als mit einem Fremden vertraut werden. "Heute ist ein sehr merkwürdiger Tag für mich", murmelt der Erzähler, "ich träume, aber ich glaube, wach zu sein, und ich muß Menschen treffen, die es nur in meiner Erinnerung gibt". Er macht sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, nach Traditionen und Gebräuchen, nach Stimmungen und Gerüchen seiner Jugend.

Viel ist auf diesen Seiten auch vom Essen und Trinken die Rede, sogar Rezepte werden verraten. Und manches Mal unterhalten sich die Menschen auch über den Tod, über Himmel und Hölle sowieso, über Fragen des Lebens und der Liebe, der Sehnsüchte und der Schmerzen. Ein Tag im Leben eines melancholischen Erzählers zieht vorbei, zwölf Stunden prall gefüllt mit Zufällen und verwehenden Momenten.

Und im Hintergrund sehen wir die Stadt, ihre Cafés und Restaurants, Plätze und Museen, Friedhöfe, Hotels, den Fluss. Schade nur, dass der Verlag keinen Stadtplan hinzugefügt hat, damit man sich gleich orientieren kann. Aber die stimmungsvollen Farbfotografien von Peter Hassiepen begleiten den Text auf wundervolle Weise. Stadtansichten, Orte, Plätze, Treppen sind zu sehen, viele Treppen, denn in Lissabon geht es ja ständig rauf und runter. Straßenbahnen sind abgebildet, die gelben alten natürlich, mit Holzbänken und offen stehenden Fenstern, das alte Straßenpflaster, Kopfstein noch, brüchig schon. Licht und Schatten des Sommers.

Wer schon dort war, in der Stadt am Tejo, erinnert sich beglückt. Und wer die Stadt noch nicht kennt, bekommt Sehnsucht, kann dieses Büchlein schon mal unter den Arm klemmen und sich einstimmen. Die beste Werbung ist eben nichts gegen eine Liebeserklärung. Denn diese erst überzeugt.

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