Zeitung Heute : Lesen und reisen: "Unter Schlangen"

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Erstaunlich ist ein solcher Weckdienst freilich nicht, wenn man beschlossen hat, sich ausgerechnet auf die ausgefallenste Art zu kurieren: Indem man seine Alpträume aufsucht, mehrere Monate lang, einen nach dem anderen: die Schwarze Mamba in Kenia, in Indien die Kobra, die Klapperschlange in den USA und auch die giftigste von allen, den Taipan in Queensland.

Viele Fegefeuer warten auf Seal. Er besucht die "Holiness People" in Georgia, die als Beweis der Gnade Gottes bloßhändig mit Klapperschlangen hantieren. Er erfährt, woher afrikanische Mchowis das Recht nehmen, unliebsame Zeitgenossen mittels einer Mamba zu beseitigen. Und er begleitet den Kobrawettkampf in Shirala, bei dem es letztendlich nur darum geht, wessen Schlange sich am höchsten aufrichtet - Freud lässt schön grüßen.

Seine wissenschaftlichen Hausaufgaben hat der Autor zuvor erledigt. Und also vermag er quälend genau zu schildern, welche Veränderungen im menschlichen Körper nach dem Biss eines Taipan vor sich gehen. Oder auf welch einfallsreiche Weise Schlangenopfer im Lauf der Jahrhundert versuchten, ihr Leben zu retten: Manche sprengten die Wunde mit Schießpulver, andere hackten sich den Finger ab oder tranken Strychnin. (Das Notfallpaket mancher Australier - ein Joint, eine Dose Bier und ein Playboy - nimmt sich dagegen eher fatalistisch aus: Die letzten Minuten sollen wenigstens unterhaltsam verlaufen.)

Das alles wäre schon aufregend genug. Aber Seal fördert zudem eine Unmenge Geschichten zutage, die sich rund um die Orte ranken, an denen die Geringelten zu Hause sind: Pionier-, Tornado-, Kriminal-, Löwen- und Schöpfungsgeschichten. Mit einem exzellenten Gespür für Timing verflicht er seine Reisen so gekonnt, dass sich 375 Seiten lang immer wieder neue Überraschungen auftun. Er schreibt poetisch und präzise, versteht es, das Wesen von Städten wie Menschen in wenigen Strichen zu charakterisieren und setzt seinen formvollendeten britischen Humor sparsam genug ein.

Am Ende wirkt die Therapie der Reizüberflutung. Jeremy Seal bezwingt seine Phobie. Und alle haben etwas davon: Der Autor seinen Seelenfrieden. Und wir Leser einen der farbigsten, packendsten und gehaltvollsten Reiseberichte dieser Jahre.

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