Lesepaten an der Lenau-Grundschule : „Schon zu Ende?“

Wie die Kinder der Lenau-Grundschule den Spaß am Bilderbuch entdecken – und ihre Mütter auch

Rolf Brockschmidt

Sie können es gar nicht erwarten, in den leicht verdunkelten Raum zu kommen, denn dort wird immer etwas Spannendes geboten: Bilderbuchkino. Die Jungen und Mädchen der Klasse 3a der Lenau- Grundschule in Kreuzberg fühlen sich hier pudelwohl. Auf Strümpfen schleichen sie in den Saal, setzen sich im Halbkreis auf die Stühle und schauen gebannt auf die Wand, auf die per Beamer das Titelbild eines Bilderbuchs geworfen wird: „Zilly die Zauberin“.

„Könnt Ihr den Titel lesen?“, fragt Lesepatin Ulrike Bruhns, die sich seit 2002 ehrenamtlich an der Lenau-Grundschule engagiert. Ein Kind liest ihn laut, dann beginnt Frau Bruhns, die Geschichte vorzulesen. Die Zauberin lebt in einem Haus, in dem alles schwarz ist. Auch ihre Katze. Die findet sie aber nur, wenn sie die grünen Augen auf hat. „Könnt Ihr sie sehen?“, fragt Frau Bruhns. Ein Junge zeigt auf, spurtet zur Wand und zeigt die Katze. „Was erkennt Ihr noch in dem schwarzen Haus?“, fragt die Lesepatin und die Finger schnellen hoch. Wer etwas entdeckt hat, kommt vor, zeigt und benennt den Gegenstand.

Das klappt ganz gut, auch wenn man den Kindern zumTeil anhört, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Aber sie sind mit Begeisterung dabei. Alle wollen vorne einmal etwas zeigen. Und sie leiden mit dem armen Kater, der sich schämt, weil die Zauberin ihn kunterbunt verzaubert hat. Sie verstehen, dass er sich als Außenseiter fühlt. „Was meint Ihr, was jetzt passiert?“ – „Alles wird bunt“, rufen sie und die nächste Projektion bestätigt ihre Vermutung.

„Schon zu Ende?“ rufen die Drittklässler enttäuscht, als das Buch durch ist. Ihnen hat es Spaß gemacht. Wie sie sich überhaupt an dieser Schule wohlfühlen. Nach ihrem Status als Drittklässler gefragt, hatten sie geantwortet: „Wir können mehr lernen“, „Ich freue mich aufs Schwimmen“ und ein Junge türkischer Herkunft meinte ganz einfach: „Mir gefällt, dass alle sehr nett hier sind.“ Zuwendung, kuschelige Atmosphäre, Wohlfühlen, das ist wichtig für diese Kinder, die nicht alle von Zuhause Bücher gewohnt sind.

„Es gibt viele Kinder, die überhaupt keine Vorleseerfahrung von zu Hause mitbringen“, sagt Sibylle Recke, die Lehrerin und Leiterin des Projektes „LeseLust“ an der Lenau-Grundschule. „Andere Kinder bringen dagegen 600 Stunden Vorleseerfahrung mit“, das ist ein ungeheurer Vorsprung, denn es geht in der Schule nicht nur um Lesen und Schreiben, sondern auch darum, Text und Bild zu kombinieren, zuhören zu können und eine eigene Vorstellungskraft zu entwickeln. Untersuchungen aus Großbritannien haben gezeigt, dass leseschwache Kinder häufig aus Familien kommen, in denen das Buch keine Rolle spielt.

Hier hat die Bürgerstiftung Berlin 2004 der Schule unter die Arme gegriffen, mit geholfen, den Buchbestand der wunderschönen Bibliothek, die jeder Grundschule in Berlin gut anstünde, auf 6000 Bücher anwachsen zu lassen. Rund 100 Bilderbücher liegen nun als Dia-Serie oder DVD vor und werden fast täglich in der Schule eingesetzt. 30 Lesepaten sind seit 2002 dabei, den Kindern vorzulesen und mit ihnen über die Geschichten zu sprechen. „Es gibt einen großen Bedarf an Menschen, die mit den Kindern Bilderbücher anschauen, mit ihnen darüber sprechen, ihnen Zeit und Zuwendung schenken“, sagt Frau Bruhns. Das sei entscheidend für die Entwicklung des Wortschatzes.

Damit auch Familien mit Migrationshintergrund den Wert und den Spaß des Bilderbuchs kennenlernen können, hat die Schule mit Hilfe der Bürgerstiftung das zweisprachige Bilderbuchkino entwickelt. Dazu lädt die Schule einmal im Monat die Mütter der ersten und zweiten Klasse mit ihren Kindern zum „Müttercafé“ oder in der türkischen Einladung „zum Teesalon“ ein. Bei Tee und Gebäck werden die Bilder an die Wand projiziert und die Texte auf Deutsch und Türkisch vorgelesen. Das Tempo bestimmen die Vorleser. Es wird entschleunigt. Man hat Zeit, ein Bild zu betrachten, Dinge zu entdecken und zu zeigen, und das in einer angenehmen, gemütlichen Atmosphäre. Dadurch werden die Mütter ebenfalls an die Bücher herangeführt. So lernen sich ganz nebenbei Eltern, Lehrer und Kinder in der Schule besser kennen. Die Mütter können sich das Bilderbuch für zwei Wochen ausleihen und bekommen die Übersetzung mit. Mit Hilfe der Übersetzerinnen ergeben sich neben dem Gespräch über Literatur auch Gespräche über Erziehungsfragen.

Sibylle Recke, der Motor dieser Lesekulturprojekte an der Lenau-Grundschule, findet es einerseits gut, dass die Bürgerstiftung geholfen hat, die Schule so auszustatten, dass das Buch aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken ist. „Das Problem ist aber, dass wir nach Wegfall der Förderung durch die Stiftung vor der Frage stehen, wie wir die wertvolle Arbeit fortsetzen könne, ohne dass alles wieder zusammenbricht.“ Es sei eigentlich die Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, dass jede Schule über eine entsprechend betreute Bibliothek verfügt. Stattdessen habe man der Schule vier Lehrerstellen gestrichen. So bleiben die Lesepatinnen wie Ulrike Repsold, die seit 2002 dabei ist: „Ich wollte mich in der Rente nützlich machen. Ich arbeite gerne mit Kindern. Ich habe mal ein Mädchen gefragt: Was willst du werden? Sie sagte: Polizistin oder Lesepatin.“

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