LESUNG Der Dichter Gerhard Falkner sucht den Zeitgenossen in Hölderlin : Idylle mit Störgeräuschen

Gregor DotzauerD
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Ausbesserungsarbeiten am späten Hölderlin? So zerrupft, vom Wahnsinn angefressen und bis auf einen traurigen Wortstumpf abgenagt sich manche Manuskripte präsentieren, könnte man glatt auf die Idee kommen, sie zu rekonstruieren. Doch nicht nur, dass sie in ihrem Stottern und Verstummen oft nicht einmal mehr den Hauch eines Gedankenbogens spannen – der „Hölderlin Reparatur“ (Berlin-Verlag), von der der Dichter Gerhard Falkner träumt, geht es um die Rettung eines hohen Tons für die Gegenwart. Wie, so fragt er sich, ist eine Ästhetik des Erhabenen überhaupt noch möglich, ohne dass der, der an ihr festhält, sich lächerlich macht? In Falkners Gedichtband, für den er soeben mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, stoßen die Sprachebenen des Sublimen und des Ordinären gewaltig zusammen, und die großen Hymnen und Elegien von Friedrich Hölderlin (1770-1843), die Falkner dabei zitiert, kommen nicht ungeschoren davon. In jede himmlische Idylle fährt ein Störgeräusch: „Viele versuchen umsonst das Freudigste freudig zu sagen.“

„Hölderlin Reparatur“ ist ein Stück poetischer Konzeptkunst zwischen Formbewusstsein und Formzerstörung: eine Materialschlacht, die um die Ironie mit den Mitteln des Pathos und um das Pathos mit den Mitteln der Ironie ringt. Falkner, 1951 geboren, setzt damit die lyrischen Expeditionen seines Berliner Großgedichts „Gegensprechstadt – ground zero“ (kookbooks) fort. Im Buchhändlerkeller stellt er sich mit seiner Künstler- und Bärennovelle „Bruno“ jetzt aber auch als virtuoser Prosaautor vor. Gregor Dotzauer

Buchhändlerkeller, Do 5.2., 20.30 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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