LESUNG Henryk M. Broder „Vergesst Auschwitz!“ : Exklusives Kainsmal

Alexander Leopold
Foto: picture-alliance/ dpa

Kaum hatte Henryk M. Broder Ende Januar sein Buch „Vergesst Auschwitz!“ beendet, musste er wieder ran und sich mit Günter Grass befassen, den er in dem Buch so beschreibt: „Grass ist ein schönes Beispiel dafür, wie man aus zwei Elementen – Schuld und Scham – ein neues Produkt herstellen und erfolgreich vermarkten kann: den ,deutschen Sündenstolz’ (Hermann Lübbe).“

Nun hatte Grass ein weiteres Mal seine ihm von Broder attestierte Leidenschaft bewiesen für alles, was mit Israel zu tun hat, und Broder schrieb in der „Welt“: „Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den ,Verursacher der erkennbaren Gefahr’ zu entwaffnen.“

Es ist dies auch eine der Hauptthesen des Broder-Buches. Hier der Holocaust, dessen in Deutschland obsessiv gedacht wird, auf dass er sich nie wiederhole. Und dort die Israel-Kritik, die gleichfalls etwas Obsessives hat. Broder ist überzeugt, diese Obsessionen speisten sich „vor allem aus einer Quelle: dem Wunsch, irgendjemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht vollendet haben, um die Deutschen von ihrem exklusiven Kainsmal zu befreien“. Das ist provokant. Doch Broder versteht sich auf Belege: Grass, die Beziehung der Linken zu Israel, der Fall des Moderators Ken Jebsen, die Vergleiche der Vorurteilsgrundlagen von Islamophobie und Antisemitismus. „Vergesst Auschwitz!“, fordert Broder. „Denkt an Israel – bevor es zu spät ist.“ Bloß würde das bestimmt auch ein Grass unterschreiben.Alexander Leopold

Jüdisches Museum, Mo 30.4.,

19.30 Uhr, 9 €, erm. 7 €

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