LESUNG Klaus-Michael Bogdal „Europa erfindet die Zigeuner“ : Das Fremde erzählen

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Als im Oktober des vergangenen Jahres in Berlin das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma eingeweiht wurde, war das für Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, nicht zuletzt ein Signal für die Zukunft. Er betrachtete das Denkmal als Verpflichtung für Europa, nicht nur der an den Sinti und Roma begangenen Verbrechen zu gedenken, sondern auch deren „aktuelle Diskriminierung und Ausgrenzung besonders in Osteuropa zu ächten und zurückzuweisen“.

Ein weiteres Signal sendete ein paar Monate später die Leipziger Buchmesse aus, als sie den Buchpreis zur Europäischen Verständigung dem Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal verlieh, und zwar für seine Studie „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“. Bogdal zeichnet darin das Bild der Romvölker in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute nach. Der Titel seines fulminanten Buches weist ins Zentrum der Problematik. Aufgrund fehlender schriftlicher Dokumente der Romvölker wird die „große Erzählung“ über sie von den europäischen Nationen selber geschrieben. Sie erfinden „die Fremden“, und bis auf wenige Ausnahmen widerfährt den Sinti und Roma selbst in der Literatur wenig Gerechtigkeit. Bogdal bleibt in seiner Studie dicht an den schriftlichen Quellen. Er erzählt keine Kultur- und Herkunftsgeschichte der Romvölker, auch den aktuellen Antiziganismus streift er nur kurz. Trotzdem ist genau dieser Antiziganismus die Folie, vor der „Europa erfindet die Zigeuner“ gelesen werden muss. Gerrit Bartels

Literaturforum im Brecht- Haus, Do 18.4., 20 Uhr, 5/3 €

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