LESUNG Peter Kurzeck „Vorabend“ : Die Gegenwart ist jetzt vorbei

„Die Gegenwart“, davon ist der 68-jährige Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck fest überzeugt, „das ist doch nicht einfach bloß jetzt!“. Nein, die Gegenwart, der man sowieso nie habhaft werden kann, sie besteht allein aus Vergangenheit, aus den vielen, vielen Momenten, die dereinst waren. Damit sie nicht einfach verloren gehen, kann, nein, muss man sich ihrer erzählend und schreibend erinnern. Genau das macht Peter Kurzeck seit seinem Prosadebüt „Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst“ von 1979.

Seitdem erzählt Kurzeck die Zeit, wie er das in seinem neuen Buch „Vorabend“ selbst ausdrückt. Und nicht nur die Zeit, sondern die ganze Gegend, die Menschen, die alten Leute genauso die Kinder, „als wir alle noch Kinder waren“. Kurzeck war ein Flüchtlingskind aus Böhmen, das der Krieg ins hessische Staufenberg verschlug. Demnach ist die Gegend, von der Kurzeck in unablässigen Erinnerungsbewegungen erzählt, die hessische Provinz mitsamt der Stadt Frankfurt. Aus dieser Perspektive entsteht in diesem groß angelegten, unter anderem aus mehreren, frei erzählten Hörbüchern wie „Der Sommer, der bleibt“ bestehenden Werk eine Chronik der Bundesrepublik Deutschland. Der Hauptstrang davon ist das auf zwölf Bände angelegte Projekt „Das alte Jahrhundert“, dessen fünfter, sich über 1000 Seiten erstreckender Band „Vorabend“ ist. Einmal mehr wird bei der Lektüre erkennbar: Kurzeck ist ein Erinnerungsfanatiker, aber kein Idylliker, er ist ein unbestimmt Sehnender, aber kein Nostalgiker, kurzum: ein Humanist und großer Schriftsteller. Gerrit Bartels

Literaturhaus Berlin, Mi 20.4., 20 Uhr, 5/3€

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