LESUNG UND GESPRÄCHCécile Wajsbrot : Das Schweigen muss enden

Marita Mirkus

Was ist die Aufgabe der Literatur in unserer Gegenwart? Wie ist ihr Verhältnis zum Schreiben im Spannungsfeld von individuellem Erleben und Eingebundensein in Geschichte? All das versucht die französische Erzählerin Cécile Wajsbrot in ihrem Essay „Für die Literatur“ zu beantworten, der nun bei Matthes & Seitz erscheint. Als er 2001 im französische Original erschien, erregte das unter anderem deshalb Aufsehen, weil es sich um eine Streitschrift gegen die Vorherrschaft des Begriffs der écriture handelte, wie er von den Avantgarden der Nachkriegszeit propagiert wurde. Wajsbrot votiert dagegen mit Verve für die erzählte Geschichte, die littérature.

Das lässt sich nur vor dem Hintergrund ihrer Biografie verstehen. „Der Nouveau Roman und alles, was danach in Frankreich geschah“, sagte sie einmal im Tagesspiegel, „verdeckte ein Schweigen“, nämlich das über Vichy und die Deportationen. „Es war die französische Polizei, die meinen Großvater abgeholt hat. Es waren französische Beamte, keine deutschen.“ 1954 in Paris geboren, studierte Cécile Wajsbrot Literaturwissenschaften, arbeitete als Französischlehrerin am Gymnasium, als Redakteurin bei den „Nouvelles Littéraires“ und schließlich als Literaturkritikerin. Seit 1982 hat sie in Frankreich neun Romane, fünf Erzählbände und zwei Essays veröffentlicht, von denen – zunächst beim Liebeskind Verlag in München – auch eine ganze Reihe auf Deutsch erschienen ist. Ihr Berliner Verleger Andreas Rötzer stellt die Schriftstellerin, die seit vielen Jahren eine Dependance in Friedrichshain hat, nun im Gespräch über ihren Literaturessay vor. Marita Mirkus

Galerie oqbo, Mi 10.7., 20 Uhr, Eintritt frei

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