LESUNGAnne Weber „Tal der Herrlichkeiten“ : Wo die Entrückten wohnen

Alexander Leopold

Irgendwann bei der Lektüre von Anne Webers schönem, herrlich verhangenem Liebesroman „Tal der Herrlichkeiten“ stößt man auf den universellen, in diesem Fall Seele und Leben ihres Helden Sperber wunderbar ausleuchtenden und perfekt treffenden Satz: „Er wartete darauf, erreicht zu werden von etwas oder jemanden, von etwas Konturlosem, Unbekanntem, vom Leben, von der Welt.“ Sperber ist ein älterer Mann, der in einem bretonischen Ort an der Atlantikküste lebt, aber „bis auf das Leben und seine zähe Konstitution hatte er so ziemlich alles, was man verlieren kann, verloren: Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar.“

Immerhin läuft ihm eines Tages eine schöne Unbekannte über den Weg, küsst ihn wie aus dem Nichts, verschwindet wieder. Nach einer abermals kurzen Begegnung folgt er ihr, die Anne Weber Luchs nennt, nach Paris. Auch Luchs hat eine Vorgeschichte, eine unschöne zumal, sie wurde entführt, möglicherweise vergewaltigt – und doch bekommt man bei der Lektüre zunehmend das Gefühl, sich in einem Zwischenreich, in einer so realen wie frei imaginierten Welt zu befinden: im Reich der Tiere, von Orpheus und Eurydike, der Toten. Sperber und Luchs: Sie finden sich, in einem „unwirtlich-unwirklichen Dämmerland, wo die Teilnahmslosen, die Entrückten unter ihresgleichen wohnen“. Am Ende kennt Sperber das Leben – und den Tod. Und der Leser? Hat von einer Meisterin der entrückt-schwebenden In-between-Literatur, der 1964 geborenen, in Paris nicht nur von Luft und Liebe lebenden Anne Weber, einen wunderbaren Roman gelesen. Die Welt besteht eben nicht nur aus dem Diesseits. Alexander Leopold

Literarisches Colloquium Berlin, Do 30.8., 20 Uhr, 6€/4€

Georg Büchner Buchladen, Wörtherstraße 16, 10405 Berlin, Di. 04. Sept. , 20 Uhr, 10€/8€

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