LesungAnnika Reich : Bezirkehopping

Alexander Leopold

Das Schöne an Berlin ist, dass ganze Welten zwischen den verschiedenen Bezirken liegen. Sagen wir zwischen Prenzlauer Berg, wo alle hinwollen, weil es angeblich so angesagt ist, und beispielsweise Lichtenrade, wo keiner hinwill, es aber auch sehr schön sein kann. Oder eben zwischen Charlottenburg, Fasanenstraße, Ku’damm-Nähe, wo das alte West-Berlin mitunter noch zu Hause ist, und dem Stadtbezirk Mitte, irgendwo in der Nähe der Chaussee- und der Torstraße, wo es seit Längerem schon das neue, junge, hippe Berlin hinzieht.

Wer hier den einen mit dem anderen Bezirk vertauscht, wie es die Hauptfiguren in Annika Reichs Roman „34 Meter über dem Meer“ tun, dem gehen schon mal die Augen über. So wundert sich der alternde Meeresbiologe Horowitz, als er erstmals in Mitte umherwandert und ein Café besucht: „Was machten diese Menschen hier alle montagmorgens um halb zehn? Waren sie arbeitslos? Wohl kaum, die Stimmung hatte nichts Niedergeschlagenes, eher etwas sonntäglich. (...) Die Männer sahen aus wie Schuljungs, trugen Turnschuhe in grellen Farben, rutschende Hosen und komische Haarschnitte und hatten trotzdem schon ein paar Falten und den einen oder anderen ausgebeulten Tränensack.“

Horowitz aber will raus aus seinem alten Leben, er hat seine große Charlottenburger Wohnung zum Tausch angeboten – und dorthin hat es nun die junge Journalistin Ella, Reichs zweite Hauptfigur, verschlagen, um wieder einmal, sie macht das tatsächlich gern, ein anderes Leben auszuprobieren.

Annika Reich erzählt die Lebensgeschichten von Ella und Horowitz und die sich mit dem Wohnungstausch ergebenden Verwicklungen und Lebens- und Liebesperspektivenwechsel mit schön leichter Hand, tatsächlich immer mit dem Anspruch, Geschichten erzählen und nicht partout „große Literatur“ produzieren zu wollen. Am Ende ist so ein Weltentausch schön heilsam und gar nicht so kompliziert. Und man weiß auch: Berlin liegt immerhin 34 Meter über dem Meer. Alexander Leopold

Volksbühne, Roter Salon, Do 1.3., 20 Uhr, 5 €/3 €

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