LESUNGBeqë Cufaj „project@party“ : Kosovo ist überall

Beim Landeanflug ahnt der Mann aus der Fremde noch nicht, worauf er sich eingelassen hat. Für den Deutschen hört sich die Uno-Mission spannend an, grandios gar. Er wird ein säkularer Edelmissionar sein, ein aufgeklärter Helfer der internationalen Gemeinschaft in einem Ambiente des Elends. In dem Land, das sein Flugzeug ansteuert, leben ethnisch Zerstrittene, Trauernde, Traumatisierte, heimgekehrte Flüchtlinge.

Aus der Nähe betrachtet ist der Hochschulpädagoge in Beqë Cufajs Roman „project@party“ (Secession Verlag) selbst ein Flüchtling. Vor dem heimatlichen Stuttgart, wo seine Ehe zerbrach, flieht er, nachdem das Paar ein Kind verloren hatte. Den Affären mit Studentinnen will er entrinnen, der Sinnleere seines Daseins. Am Einsatzort findet er eine Stadt aus Plattenbauten vor. Winterliche Kälte herrscht, in den ersten Nächten haust er im schäbigen „Hotel Grand“ ohne Heizung. Beamte des internationalen Apparats jagen ihn von einem Akkreditierungsbüro zum nächsten, bis er nach einer Woche mit den Insignien seiner Macht ausgestattet ist: Uno-ID-Karte, Fahrer und Landrover, Dolmetscher, Motorola-Funkgerät, Büro, Assistentin, Computer mit Internetanschluss. Beqë Cufaj ist einer Spezies von Leuten auf der Spur, die fast unbemerkt Geschichte schreiben. Sie sind, so die implizite These, moderne Kolonialherren. Als Kosovo- Albaner mit deutschem Pass könnte Cufaj ein partikulares Anliegen verfolgen. Aber sein namenloses Land dient nur dem parabelhaften Charakter der Darstellung. Im Gespräch mit Hans-Peter Kunisch stellt Cufaj sein Buch nun im Brechthaus vor. Caroline Fetscher

Literaturforum im Brecht-Haus, Mi 3.4.,

20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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