LESUNGBirk Meinhardt und Torsten Schulz : Gedächtnisspeicher Ost

Alexander Leopold

Weit über 20 Jahre ist es her, dass die Mauer fiel und kurz darauf auch die DDR von der Weltkarte verschwand. In der Literatur aber scheint die DDR lebendiger denn je, nicht zuletzt gehört es schließlich zu den Aufgaben der Literatur, Gedächtnisspeicher zu sein, der Erinnerung einen Ort zu geben. Neben Jochen Schmidts Wenderoman „Schneckenmühle“ sind es in diesem Frühjahr Birk Meinhardts Roman „Brüder und Schwestern“ und Torsten Schulz’ Roman „Nilowsky“, die wortstark in Erinnerung rufen, wie es in der DDR zugegangen ist.

Beide Romane erzählen vor allem vom ostdeutschen Alltagsleben Mitte der siebziger Jahre, und während Meinhardt (Foto li.) die Form eines weit ausholenden Familienromans gewählt hat, so wie einst Uwe Tellkamp mit seinem „Turm“, konzentriert sich Schulz (Foto re.) auf die Wirren der Pubertät seines Titelheldens Reiner Nilowsky und des Ich-Erzählers Markus Bäcker. Sie wachsen am Rand von Berlin in der Nähe eines Bahndamms und eines Chemiewerks auf und befreunden sich, der eine Kneipiers-Sohn, der andere Sohn eines leitenden Chemie-Ingenieurs. Bei Meinhardt, der im Frühjahr mit „Brüder und Schwestern“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, steht die Familie Werchow aus dem fiktiven Örtchen Gerberstedt im Mittelpunkt des Geschehens. Willy Werchow ist der Direktor einer Druckerei, seine drei Kinder Britta, Erik und Matti entwickeln sich in der DDR auf unterschiedlichste Weise, auf dass noch für die Zeit nach 1989 Erzählenswertes übrig bleibe: Nachdem Willy nach einem Infarkt für tot erklärt wird, beendet Meinhardt seinen 700-Seiten-Wälzer mit dem Hinweis: „wird fortgesetzt.“ Alexander Leopold

Literarisches Colloquium Berlin, Mi 22.5., 20 Uhr, 6 €, erm. 4 €

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