LESUNGENBernd Cailloux : Leidkapital schlagen

Foto: ©Susanne Schleyer / autorenarchi

Als Bernd Cailloux vor drei Jahren an der Uni Konstanz auf einem Podium zum Thema 68 saß, „Wahn und Sinn des Aufbruchs“ betitelt, überlegte er, ob es ein „naiver Irrtum“ von ihm gewesen sei, „eines Tages als Schriftsteller sein Leidkapital in einen Roman verwandeln zu können.“ Das hatte er zu dem Zeitpunkt jedoch schon getan: einen Roman über 1968 zu verfassen, einen alles andere als naiven Roman mit dem Titel „Das Geschäftsjahr 68/69“, der 2005 erschien.

Darin erzählt Cailloux, wie es an den Rändern und in der Subkultur der 68er-Bewegung so zuging, wie popistisch das Ganze letztendlich war, aber auch, wie man anderes Kapital als „Leidkapital“ aus 68 schlagen konnte. Damals schien es, als hätte Cailloux sich freigeschrieben, als hätte er abgeschlossen mit seinem Dasein als Pop-68er. Doch dem ist nicht so. Sein neuer Roman „Gutgeschriebene Verluste“ handelt einmal mehr von jener bewegten Zeit. Vor allem davon, wie knietief Bernd Cailloux da immer noch drinsteckt, wie sehr 68 ihn mentalitätsgeschichtlich beeinflusst hat: von seiner Weigerung, ein bürgerliches Leben zu führen bis zu seinen Liebes- und Beziehungsproblemen auch jetzt noch, da er auf die 70 zugeht. Das Schöne an „Gutgeschriebene Verluste“ ist, dass Cailloux eine gewisse Schonungslosigkeit mit seiner Person an den Tag legt, dass er sich selbst mit einem ironisch-mitleidlosen Blick betrachtet. Und schön ist natürlich auch, dass er den Café- M-Geschichten eine weitere hinzufügt, eine aus der Frühzeit, da das Café M schon der Mittelpunkt der Kunst- und Bohèmewelt war. Gerrit Bartels

Literarisches Colloquium Berlin, Do 29.3, 20 Uhr, 6 €, erm. 4 €; Literaturforum im Brecht-Haus, Di 3.4., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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