LESUNGGregor Sander mit seinen Erzählungen „Winterfisch“ : Die Farben des Boddens

Es kommt nicht von ungefähr, dass Gregor Sander in seinem jüngsten Erzählband „Winterfisch“ ein langes Zitat aus Uwe Johnsons „Jahrestagen“ vorangestellt hat. Darin schwärmt Johnsons in New York lebende und arbeitende Heldin Gesine Cresspahl über ihre Heimat an der Ostsee: „Das Fischland ist das schönste Land in der Welt. Das sage ich, die ich aufgewachsen bin an einer nördlichen Küste der Ostsee, wo anders. Wer ganz oben auf dem Fischland gestanden hat, kennt die Farbe des Boddens und die Farbe des Meeres, beide jeden Tag sich nicht gleich und untereinander nicht (...)“

Die meisten Figuren in Sanders Erzählungen kommen ebenfalls aus dieser Gegend. Diese hat sie nachhaltig geprägt, ob sie hier noch leben oder lange weggezogen sind. Und selbst, wenn sie nur kurz zu Besuch waren, als Kinder gar, wirkt das Fischland, die Ostsee nach. So wie in der Geschichte „Jenseits“, in der Sander deutsche Vergangenheit und Gegenwart verknüpft: „Zuerst waren wir in Ahrenshoop gewesen und im Jahr darauf in Ahlbeck. Erst dann war ich bereit für Rerik. Ich hatte eine regelrechte Angst davor, Angst, die Erinnerung kaputtzumachen, die Vorstellung, die Illusion von Rerik, und ohne Anne wäre ich nie dorthin gefahren.“ Sander versteht sich auf atmosphärische Schilderungen und gebrochene Lebensgeschichten, in den Erzählbänden „Ich aber bin hier geboren“ und „Winterfisch“ wie in dem Roman „Abwesend“, der 2007 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises kam. Klar ist nach der Lektüre seiner Bücher: Im schönsten Land der Welt zu leben oder dort geboren zu sein, bedeutet noch lange nicht, ein schönes, gelungenes Leben führen zu können. Gerrit Bartels

Do, 15.9, 20 Uhr, Buchhandlung Herschel, Anklamer Straße 38, Eintritt 6 €.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar