LESUNGHannes Stein „Der Komet“ : Der ewige Habsburger

Es mag am Zufall liegen. Jedenfalls nimmt das 20. Jahrhundert in Hannes Steins Debütroman „Der Komet“ einen neuen Lauf. Der österreichische Kronprinz Franz Ferdinand fährt auf seiner Sarajevo- Reise 1914 nicht den gleichen Weg zurück, nachdem er knapp einem Bombenanschlag entkam, sondern macht sich kurzerhand auf den Weg nach Hause, wo er bumperlgsund ankommt. Kein Grund also für Österreich-Ungarn, Serbien den Krieg zu erklären. Der Erste Weltkrieg findet nicht statt, ebenso wenig der Zweite und der Holocaust.

Steins Buch spielt kurz vor der Jahrtausendwende, Anne Frank lebt, und die Blockbuster- Filme kommen aus den Rosenhügel-Studios. Die österreich-ungarische Monarchie ist ein potentes Vielvölkerreich und Wien der Nabel der Welt, wo Juden, Israeliten, Ruthenen, Galizier und taxifahrende Siebenbürgener zum Stadtbild gehören. Die Deutschen haben immerhin den Mond kolonisiert. Dorthin wird der K.u.k. Hofastronom Dudu Gottlieb gerufen, weil ein Komet auf die Erde zurast. Steins Sprache erinnert an die knatschige Konsistenz eines Topfenstrudels, was durchaus zu poetischen Schilderungen führt, wie der vom Schwimmen auf dem Mond, ohne Schwerkraft. Steins zahlreiche Anmerkungen im Text, um österreichische Begriffe zu erklären, und um die realhistorischen Hintergründe für Persönlichkeiten und Orte zu liefern, dienen als permanente Dekonstruktion. Beim Vor- und Zurückblättern zwischen Satire und Realität soll dem Leser das Schmunzeln vergehen, und das tut es auch. Wie die Sache mit dem Kometen ausgeht, wird Stein vermutlich auch bei seiner Lesung nicht verraten. Birgit Rieger

Galerie des Österreichischen Kulturforums,

Do 21.3., 19.30 Uhr, Eintritt frei

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