LESUNGHelene Hegemann „Jage zwei Tiger“ : Niemand fällt in Ohnmacht

Nein, so schnell endet ein Hype nicht, nicht in der Popmusik und erst recht nicht im Literaturbetrieb. Pop ist nun einmal Pop. Helene Hegemanns zweiter Roman „Jage zwei Tiger“ ist, ungeachtet seiner literarischen Qualität, also auch vor der Lektüre der Kritiker, eines der Mussbücher dieser Bühnensaison, eines, das in den Feuilletons dann auch pünktlichst und groß besprochen wurde. 

Der Grund ist natürlich: Hegemanns Debüt „Axolotl Roadkill“ vor drei Jahren, die Plagiatsdebatte kurz nach der Veröffentlichung dieses Romans, nicht zuletzt ihre Jugend – und die Tatsache, dass „Axolotl Roadkill“ bei allem Bohei drum herum für eine damals 18-Jährige ganz beachtlich war. Jetzt also „Jage zwei Tiger“, der Roman über Minderjährige in Extremsituationen. Die Besprechungen waren mitunter durchaus begeisternd, mitunter verhalten, weil Hegemanns Kaputtheiten zelebrierende, muskulöse Bescheidwisserhaltung auch ganz schön auf den Nerv gehen kann, bei allem unbestreitbaren popkulturellen Know-how. Nach den Besprechungen kommt nun ganz sicher die Bestsellerlistenplatzierung (in der Regel zehn Tage nach Erscheinen, sollte kein Problem sein, wenn selbst Hans Magnus Enzensberger mit „Herrn Zetts Betrachtungen“ und dessen gedanklichen „Brosamen“ in den Charts steht, Platz 30), schließlich Buchpremiere und weitere Lesungen, auf die auch das Publikum die Lektüre folgen lässt. Bei der „Jage Zwei Tiger“-Premiere am vergangenen Freitag in einer Ex-Kirche in Kreuzberg waren alle da, auch Kritiker, die Hegemann wieder live sehen und beschreiben mussten. Immerhin: In Ohnmacht ist vorher und nachher niemand gefallen. Gerrit Bartels

Haus der Berliner Festspiele, Fr 6.9., 21.30 Uhr,

8 €, erm. 4-6 €

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