LESUNGIngomar von Kieseritzky : Sinnen und Salbadern

Marita Mirkus

Herr Singram, der mindestens mittelschwer neurotische Protagonist von Ingomar von Kieseritzkys Roman „Traurige Therapeuten“, hat die Nase voll vom allgemeinen Treiben und begibt sich hinter die Tore eines Sanatoriums, um dort über seine Geschicke nachzudenken. Wie es sich für den 1944 geborenen Autor gehört, gelangt man von diesem Ausgangspunkt in ein vergnügliches Labyrinth von Neben- und Abwegsgeschichten rund um Frauen, Tiere und andere Herausforderungen dieser Welt. Am Anfang findet man die folgenden Sätze: „Hera, das Doggenvieh, es pennte; der Pudel Horst leckte kurz sein Gliedchen und verschlief eine kurze Erektion; Harold sah einen Augenblick auf die Berge, dann überwältigte ihn der Daemon meridianus, und er sank ins Gras, alle Pfoten wollüstig gestreckt wie ein Mönch nach der Karwoche; allein der Labrador Lucky hockte auf seinem Hintern und spähte erwartungsvoll auf die Berge.“ Dann: „Vielleicht träumte er von blinden Wanderern, die er an Abgründe führen durfte.“ Und Coda: „Was für eine glückliche Existenz.“

Kieseritzkys Bücher, schrieb Christian Maintz unlängst im Tagesspiegel, „werden zusammengehalten durch ein in der Gegenwartsliteratur selten gewordenes Phänomen: eine markante, jeden Satz imprägnierende geistige Haltung. Sie verbindet entschieden alteuropäische Züge – Belesenheit und Melancholie – mit einem eher postmodernen Wirklichkeitszugriff: der ebenso komischen wie drastischen Dekonstruktion jeder Sinn- und Heilserwartung.“ Wie das live funktioniert, kann man sich jetzt im Buchhändlerkeller ansehen. Marita Mirkus

Buchhändlerkeller, Do 20.12., 20.30 Uhr, 5 €

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