LESUNGJosef Winkler „Mutter und der Bleistift“ : Worte für eine Schweigende

Marita Mirkus

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, heißt es in Paul Celans berühmtestem Gedicht „Todesfuge“. Aber der literarische Meister des Todes stammt zweifellos aus Österreich. Kein zeitgenössischer Autor hat sich so obsessiv mit dem Sterben auseinandergesetzt wie der Kärntner Josef Winkler aus Kamering – gleich, ob er über die erdrückende Enge des väterlichen Bauernhofs schrieb, nach Rom reiste oder in Indien Einäscherungsrituale verfolgte. In einem guten Dutzend Bücher hat er, bis hin zur Nekrophilie, immer wieder nur das Verblühen und Vergehen und Vernichten entdeckt und daraus eine eigene Lebenswut gewonnen. Kein zeitgenössischer Autor hat sich so sehr am Vater gerieben wie dieser 2008 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Autor. „Roppongi“, seinem „Requiem für einen Vater“, folgt nun „Ein Requiem für die Mutter“ unter dem Titel „Mutter und der Bleistift“ (Suhrkamp Verlag).

Der Text setzt ein mit einem Streifzug durch die aus dem Fels gehauenen buddhistischen Tempel im indischen Ellora. Dort liest er in Ilse Aichingers „Kleist, Moos, Fasane“ und fühlt sich ins Jahr 1943 versetzt, in dem der Großvater durch einen Brief erfährt, dass nun auch Adam, sein dritter Sohn, im Krieg umgekommen sei. Seine Tochter ist die künftige Mutter des Erzählers. Ihr Leben lang wird die Mutter sich in einem großen Schweigen vergraben. Das Buch sammelt Szenen aus ihrem Leben und überblendet sie mit anderen Mütter- und Elternerzählungen wie Peter Handkes „Wunschloses Unglück“ und Peter Weiss’ „Abschied von den Eltern“. Im Literaturhaus liest Josef Winkler daraus vor. Marita Mirkus

Literaturhaus Berlin, Fr 28.6., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar