LESUNGKarl-Heinz Ott stellt „Ob wir wollen oder nicht“ vor : Erlösung ist nicht

Gerrit BartelsD

Würde man an dieser Stelle einen Satz aus Karl-Heinz Otts jüngstem Roman „Ob wir wollen oder nicht“ zitieren wollen, könnte es passieren, dass der Satz die vorgesehene Länge dieses Artikels sprengt. Der in Freiburg lebende Dramatiker, Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Berufsbadener Ott ist ein Meister des langen, aber keineswegs verschlungenen Satzes – Worte wie „wobei“, „zumal“ oder „andererseits“ verweisen immer wieder auf notwendige Verkettungen, Einschübe oder noch notwendigere Gegenreden. Hat man sich auf die Sprachkunst von Ott, auf die Wortströme seiner Helden eingelassen, fesseln sie bis zum Schluss – und das nicht nur ihres Sounds halber, sondern weil dieser diverse spannende, mysteriöse, mitunter trübselig stimmende Geschichten transportiert.

Handelte Otts Debüt „Ins Offene“ von einer unglückseligen Mutter-Sohn-Beziehung, belagerte in dessen Nachfolger „Endlich Stille“ ein Fremdling einen menschenfreundlichen Philosophen bis an den Rande der Verzweiflung (und schließlich an den einer Bergklippe), so erzählt in „Ob wir wollen oder nicht“ ein Mann in U-Haft die Geschichte seines verpfuschten Lebens. Er schweigt, um einer Strafe zu entkommen – und er hält sich selbst gegenüber mit nichts hinterm Berg. Am Ende sieht der Erzähler die Möglichkeit einer ultimativen inneren Freiheit in einer Gefängniszelle, ein „Freisein, bei dem man nichts mehr zu verlieren hat“. Doch Ott geht es wie in seinem Roman „Endlich Stille“ nicht um Auf- und schon gar nicht um Erlösung: „Inzwischen können wir es uns nicht mehr aussuchen, es ist, wie es ist, ob wir wollen oder nicht.“ Gerrit Bartels

Lehmanns Fachbuchhandlung, Do 22.1.,

20.15 Uhr, 6 €, erm. 4 €

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