LESUNGMichel Houellebecq: „Karte und Gebiet“ : Zurück zur Natur

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Michel Houellebecq ist tot. Auf bestialische Weise hat ihn ein vermutlich irrer Täter in seinem Landhaus ermordet und zerstückelt, den Kopf aber unversehrt gelassen. Der thront auf einem Sessel, während die Körperteile des Schriftstellers und die seines Hundes wie auf einem Pollock- Gemälde oder bei den Wiener Aktionskünstlern kunstvoll verteilt sind. Schlimm das, aber nicht weiter aufregend: Die Ermittlungen gehen ihren Gang, erfolglos, bis zufällig ein kunstliebender Chirurg als Täter gefasst wird.

So will es der reale Michel Houellebecq in seinem neuen und umjubelten, 2010 in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Karte und Gebiet“, in dem nicht nur er selbst eine Rolle spielt, sondern zum Beispiel auch sein Kollege Frédéric Beigbeder. Hauptfigur aber ist der Künstler Jed Martin, der Houellebecq bittet, das Vorwort für einen Ausstellungskatalog zu schreiben und deshalb in den Genuss mehrmaliger Begegnungen mit dem Schriftsteller kommt.

Was auffällt an diesem Künstlerroman: Houellebecq ist der Furor verlustig gegangen. „Karte und Gebiet“ hat etwas erhaben Resignatives. Alle seine Protagonisten – Martin, Houellebecq, der ermittelnde Polizist und Martins Vater – wollen nur eins: in den Mutterschoß, in die Häuser und Landschaften ihrer Kindheit. Klar, dass die Losung am Ende heißt: zurück zur Natur. Er habe, sagt der fiktive Houellebecq im Gespräch mit Martin, mit der „Welt der Narration abgeschlossen“. Für „Karte und Gebiet“ gilt das nicht: So schön realistisch vor sich hin erzählt hat Michel Houellebecq lange nicht. Man könnte auch sagen: Er ist quicklebendig. Gerrit Bartels

Babylon Mitte, Mi 6.4, 20 Uhr, 18 € (mit Martin Wuttke)

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