LESUNGOlga Grjasnowa : Keine Heimat, nirgends

Fragt man Olga Grjasnowa, wo sie sich zu Hause fühlt, wo eigentlich ihre Heimat ist, antwortet sie nüchtern: „Ich weiß nicht, was das ist: Heimat. Das war für mich noch nie wichtig, dieses Wort hat was von Ausschluss, von Ausgrenzung, es bedeutet Russland den Russen oder Deutschland den Deutschen.“ Zu Hause fühlt sie sich in Berlin, in Kreuzberg, wo sie seit knapp vier Jahren lebt, nachdem sie 1996 mit ihren Eltern als sogenannter jüdischer Kontingenzflüchtling aus Baku, Aserbaidschan, mit zwölf Jahren nach Deutschland gekommen war.

Diese Biografie teilt sie mit der jungen Heldin ihres Debütromans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, Mascha. Deren Lebensmittelpunkt liegt jedoch zunächst in Frankfurt am Main (auch Grjasnowa kam seinerzeit in Hessen an), wo sie mit ihrem Freund Elias in einer gemeinsamen Wohnung lebt. Als Elias stirbt, gerät die fünf Sprachen beherrschende Mascha aus dem Tritt. Sie geht nach Tel Aviv, als Dolmetscherin für das Auslandsbüro einer deutschen Stiftung – und streift am Ende auch noch durch Ramallah und Jenin. Das mag alles ein bisschen viel, ein bisschen durcheinander sein. Doch Grjasnowas Heldin ist überzeugend gezeichnet, sie hat Biss, Kraft und Hingabe. Zumal Olga Grjasnowa nicht gerade von Migrantenschicksalen erzählt, von denen in Integrationsdebatten bevorzugt die Rede ist. Auch ihre anderen Figuren, die Freunde von Mascha, sind begabt, gut ausgebildet, politisch sensibilisiert und priviligiert, ohne dass ihr Leben in Deutschland ein großes Zuckerschlecken wäre. Thilo Sarrazin gingen vermutlich die Augen über, würde er diesen rasanten, unbedingt lesenswerten Roman lesen.Gerrit Bartels

Georg-Büchner-Buchladen, Mo 16.4., 20 Uhr, 10 €/8 €

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