LESUNGTuvia Tenenbom „Allein unter Deutschen“ : In einem fremden Land

Es ist natürlich seltsam, wenn Tuvia Tenenbom in seinem Buch „Allein unter Deutschen“ behauptet, dass eigentlich alle Deutschen Antisemiten seien – und dann interessiert sich bei der Veröffentlichung des Buches niemand in Deutschland dafür. Außer der „Spiegel“. Auch seltsam: In den vergangenen Wochen sind haufenweise Antisemitismus- und Rassismusdebatten geführt worden – und kein Mensch hat Tenenbom befragt oder seine Befunde in die Debatten miteingebracht. Vor kurzem wurde dann bekannt, dass Tenenbom von Neonazis angezeigt wurde, weil er sie bei einer Demo in Magdeburg mit dem Hitlergruß zu provozieren versuchte, und auch hier sind die Reaktionen fast null.

Tja, was ist da los? Versucht Deutschland den Mann und sein Buch wirklich zu ignorieren und „auszusitzen“, wie der „Spiegel“ Ende 2012 mutmaßte? Weil sein Buch so böse ist? Ach, nein. Weil er auf seiner Deutschlandreise bis auf ein paar Gute wie Helmut Schmidt, Giovanni Di Lorenzo oder Kai Diekmann fast nur Judenhasser, „eingefleischte Antisemiten“ und Israel-Kritiker getroffen hat? Mag sein. Nach der Lektüre weiß man, dass Tenenbom Antisemiten gezielt gesucht hat, nicht nur in einer Neonazi- Kneipe in Neumünster, auch bei der türkischen Gemeinde in Duisburg. Tenenbom geht bewusst auf deutsche Nerven. „Allein unter Deutschen“ ist geschwätzig und bemüht (schwarz-)humorig, manchmal aber wunderbar beobachtet und komisch. Vielleicht sind manche Provokationen zu billig. Vielleicht reicht Deutschland auch ein Henryk M. Broder, der besser und pointierter ist als Tenenbom. Gerrit Bartels

Volksbühne, Do 7.2. 20 Uhr,

8 €, erm. 6€

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